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2016 - Ingrid Matthäus-Maier

Zuletzt aktualisiert von Andreas Wagner am 7. Dezember 2016 - 17:54

Am 1. Oktober 2016 verlieh der bfg Augsburg den Ludwig Feuerbach Preis an Frau Ingrid Matthäus-Maier

Artikel im hpd

 

Ludwig Feuerbach und der weltliche Humanismus
 
Liebe Ingrid Matthäus-Maier, sehr geehrte Gäste, liebe Mitglieder des Bundes für Geistesfreiheit!

 

Der Bund für Geistesfreiheit Augsburg verleiht zum fünften Mal den Ludwig-Feuerbach-Preis. 2001 erhielt ihn Dr. Karlheinz Deschner, 2004 Prof. Dr. Franz Buggle, 2008 Prof. Dr. Dr. Hoerster, alle drei herausragende Wissenschaftler. 2012 wurde er an Herbert Steffen verliehen, den Gründer der Giordano Bruno Stiftung, und nun an die Politikerin Ingrid Matthäus-Maier. Schon 2012 gab es Stimmen, die fragten, ob die Preisverleihung an Nichtwissenschaftler denn zu Ludwig Feuerbach passe, den ersten wissenschaftlich fundierten Religionskritiker in Deutschland, der übrigens als Theologe anfing und dann die von ihm entdeckten Widersprüchlichkeiten konsequent analysierte.

Dabei wurde aber übersehen, dass Feuerbach nur zwischen 1830 und 1850 als Religionswissenschaftler und –kritiker arbeitete. Denn schon mit dem ersten Buch „Gedanken über Tod und Unsterblichkeit“ verbaute er sich 1830 eine Universitätskarriere. Berühmt wurde er dann 1842 mit dem Buch „Das Wesen des Christentums“, einer konsequenten Abrechnung mit monotheistischen Wunschvorstellungen. Aber im letzten Drittel seines Lebens kam Feuerbach zu dem Schluss, dass Religionskritik zwar unverzichtbar sei, aber nicht ausreiche. Er begann die Grundzüge einer diesseitigen Ethik zu entwerfen. Besonders bekannt ist davon sein Satz: „Tue Gutes um des Menschen willen!“ Er führte aus, dass Menschen, die christliche Nächstenliebe nur deshalb praktizieren, weil sie sich damit einen Platz im Himmel verschaffen wollen, letztlich rein egoistisch handeln.

Aus verschiedenen Gründen konnte er seine Konzeption nicht mehr in einem eigenen Buch veröffentlichen, jedoch hinterließ er zahllose Notizen und Fragmente auf handschriftlichen Blättern. Erst 1999 konnte Prof. Schuffenhauer aus Berlin die überfällige Aufgabe anpacken, eine Gesamtausgabe des Feuerbach-Werks herauszugeben. Beinahe wäre sogar dieses Projekt am fehlenden Geld gescheitert und ausgerechnet die beiden wichtigen letzten Bände auf der Strecke geblieben. Aber zum Glück hat hier ein privater Spender mit 15.000 Euro den Abschluss der Edition ermöglicht, nämlich der ansonsten nicht ganz unumstrittene Schweizer Sterbehelfer Ludwig Minelli. Nun sollten wir eigentlich bald mehr über Feuerbachs Konzeption eines gelingenden humanen, diesseitigen Lebens erfahren, doch bisher hat sich noch niemand darum gekümmert. Vielleicht wird das ja zum 150. Todestag im Jahr 2022 nachgeholt. Tatsache ist jedenfalls, dass Feuerbach das politische Engagement später für wichtiger hielt als die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Religionen. 1869, drei Jahre vor seinem Tod, trat er sogar in die kurz zuvor von zwei Atheisten (nämlich Wilhelm Liebknecht und August Bebel) gegründete SDAP ein, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei.

Aus heutiger Sicht ist klar, dass die Entwicklung einer säkularen humanistischen Ethik – wie sie Feuerbach nur skizziert hat – von entscheidender Bedeutung für die nächsten Jahrzehnte ist. Zum einen kommen viele junge Menschen im schulpflichtigen Alter als Flüchtlinge nach Deutschland, die noch nie etwas von den Allgemeinen Menschenrechten gehört haben. Diese Jugendlichen gehören in einen für alle verbindlichen Ethikunterricht und nicht in eine religiös geprägte, von Theologen bestimmte Unterweisung, von der niemand genau weiß, welche Rolle dort die Werte des Grundgesetzes und der Menschenrechte spielen. Zum anderen werden auch die beiden großen Kirchen sehr bald in die Minderheit geraten. Viele von Ihnen, liebe Gäste, haben die Preisverleihung vor fast exakt vier Jahren im Zeughaus noch genau im Gedächtnis. Seit damals ist der Anteil der beiden Großkirchen an der deutschen Bevölkerung um volle vier Prozentpunkte, nämlich von 58 auf nun 54 Prozent geschrumpft. Allein in den drei Kalenderjahren 2013 bis 2015 haben die Kirchen 3,4 Punkte verloren und die Tendenz in 2016 sieht ähnlich aus wie 2015. Zu Beginn des nächsten Jahrzehnts werden Katholiken und Protestanten auch zusammen in der Minderheit sein – übrigens nicht nur bundesweit, sondern auch in Augsburg-Stadt, wo die Katholikenzahl seit der Volkszählung 1987 von 180.000 auf 120.000 geschrumpft ist, obwohl die Einwohnerzahl von 269.000 auf 289.000 zugenommen hat. In rund 20 Jahren wird diese Situation auch in Bayern eintreten, und etwa im Jahr 2043 werden die Kirchen bundesweit sogar unter 40 Prozent fallen. Das mag heute nach ferner Zukunft klingen, aber das liegt genauso weit vor uns wie der Mauerfall 1989 zurückliegt, und an den erinnern wir uns doch noch sehr genau.

Diese Entwicklung ist keine Kaffeesatzleserei, sondern sehr real, denn aktuell entfallen in Deutschland auf hundert Geburten gerade noch 46 Taufen, während von hundert Verstorbenen fast genau 70 katholisch oder evangelisch sind. Die daraus resultierende Überalterung ist in ihren Folgen leicht berechenbar und lang anhaltend. Das wissen auch die Kirchen ganz genau. Als 2005 die Synode der Landeskirche im Augsburger Rathaus tagte, erklärte der führende Demographie-Experte der EKD, dass die Zahl der Evangelischen in Deutschland binnen einer Generation, nämlich von 2003 bis 2030, um ein Drittel schrumpfen werde. Nach nunmehr zwölf von 27 Jahren zeichnet sich ab, dass dieser Experte Recht behält.

Einem säkularen Humanismus gehört aber auch deshalb die Zukunft, weil gerade er der beste Garant der Religionsfreiheit ist. Religiös geprägte Gesellschaften gewähren nur der dominierenden Religion Freiheit und gleichzeitig Vorrang, der säkulare Staat dagegen behandelt alle gleich bzw. er sollte dies tun. Nach unserer Auffassung ist Religionsfreiheit schon deshalb ein zentraler Wert, weil er eine Unterabteilung der Meinungsfreiheit ist. Das heißt in der Konsequenz, dass jede religiöse und ebenso auch jede weltlich-humanistische Auffassung eine Meinung ist und keine Wahrheit. Dies schließt aber auch ein, dass sich der Staat in dieser Meinungsvielfalt neutral, d.h. unparteiisch verhält. Das Gerede von einer „fördernden Neutralität“ des Staates gegenüber Religionen ist geradezu ein Widerspruch in sich und auch verlogen. Wer neutral ist, fördert nicht, und wer fördert, ist nicht neutral. Als der Toleranz verpflichtete Freigeister respektieren wir die Auffassung aller religiösen Richtungen, solange sie mit den allgemeinen Menschenrechten kompatibel sind. Jeder mag nach seiner Fasson selig werden, aber keiner darf so tun, als habe er die Wahrheit gepachtet. Der CDU-Politiker Kauder hat völlig Recht, wenn er sagt, religiöse Begründungen könnten niemals Maßstab für die im Staat allgemein verbindlichen ethischen Werte sein, sondern immer nur solche, die über weltanschauliche Bezüge hinaus auch diesseitig und rational nachvollziehbar sind. Das trifft zum Beispiel auf die Allgemeinen Menschenrechte zu. Aber die begrenzte Gültigkeit religiöser Auffassungen gilt nicht nur mit Blick auf den Islam, sondern auch auf das Christentum.

Für uns bleibt damit neben dem bereits erwähnten Aufbau einer säkularen Ethik nur noch eine große politische Aufgabe: die Gleichberechtigung aller Religionen und Weltanschauungen einzufordern und die Privilegierung der beiden größten Konfessionen abzubauen. Damit ist der tiefere Sinn des Ludwig-Feuerbach-Preises wohl auch treffend umschrieben.

Gerhard Rampp