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APOKALYPSE abgesagt

Zuletzt aktualisiert von bfg Augsburg am 18. August 2014 - 18:32

von Ralf Reiser

Mit dem Jahr 2001 beginnt wirklich das Neue Millennium. Aber trotz Jahrtausendwende ist die prophezeite Apokalypse ausgeblieben und findet auch in Zukunft nicht statt. Die Apokalypse ist abgesagt.

... So werden auch der Himmel, der jetzt ist und die Erde durch dasselbe Wort aufgespart für das Feuer, bewahrt für den Tag des Gerichts und der Verdammnis der gottlosen Menschen. ... die ihr das Kommen des Tages GOTTES erwartet und erstrebt, an dem die Himmel vom Feuer zergehen und die Elemente vor Hitze zerschmelzen werden. Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.
(2. Petrus 3, 3..13)

Um den Mythos der Apokalypse zu verstehen, muß man weit in die alttestamentarische Vergangenheit zurückgehen. In die Zeit der Anfänge des Judentums und der Eroberung des Heiligen Landes: Die Kriegsführung der antiken Israelis kannte die "Vollstreckung des Banns" als Teil des "Heiligen Krieges" (Dtn. 20, 15 - 17), der als Blutritual nach dem eigentlichen Kampfgeschehen im Sinne einer kultischen Opferhandlung (und nicht aus Rache oder Haß) eine rituelle Vernichtungweihe allen menschlichen und tierischen Lebens bedeutete. Und damit von seiner konzeptuellen Zielsetzung auch Frauen und Neugeborene mit einschloß aber definitiv menschliche Regungen wie Vernunft und Mitgefühl und Ethik ausschloß. Der mythologische Überbau dieses Holocausts war eine rituale Heiligmachung, bei der dem Lebengeber Gott JAHWE dieses Leben zurück übereignet wurde. Darüber hinaus auch erbeutetes Edelmetall für die eigenen kultischen Zwecke.

Heutzutage, im Zeitalter der Aufklärung, reagieren wir natürlich mit äußerstem Abscheu auf die scheußlichen Verbrechen GOTTES, wir müssen aber zur Kenntnis nehmen, daß damals ganz andere Zeiten geherrscht haben und das absolute! Verbrechen des Genozids zu allen Zeiten ethisch mit gleichem Maßstab zu werten ist, resp. selbst ein absoluter! Maßstab zur Differenzierung von 'Göttlichkeit' oder 'Satanismus' ist. Wenn das kein Kriterium ist, was dann? Dann gibt es nur noch Beliebigkeit und Willkür und Desinformation. Und Desorientierung. Und die totale Manipulierbarkeit.

Sind die Apokalypse und der alttestamentarische 'Bann' = Vernichtungsweihe miteinander in Bezug zu setzen?

Hierzu ein paar Vorüberlegungen zur religiösen tiefenpsychologischen Angstdisponierung:

  • Die Bibel arbeitet sehr massiv mit Ängsten.
  • Die Bibel addressiert primär das Unter- und Unbewußtsein.
  • Die Bibel weist eine deutliche Tendenz auf, die Verstandes- oder Klarbewußtseinsebene als - und das überrascht zunächst - negativ! zu denunzieren.

Tiefenpsychologische, d.h. auf Unbewußtseinsebene situierte Inhalte, hier: Ängste, haben Steuerungsfunktion und sind, weil eben unbewußt, per se unkontrolliert und damit voll wirksam. Weiters gilt: Ängste haben an sich schon den Nebeneffekt, rationale Denkvorgänge zu blockieren. Wenn nun zusätzlich die Rationalität aus ideologischen oder dogmatischen Gründen per Diffamierung weiter abgeschwächt wird, wird dadurch jegliches geistige Korrektiv, jegliche Möglichkeit einer Kontrollfunktion zuverlässig ausgeschaltet und Raum für die Entfaltung von Obskurantismus geschaffen. Und Manipulierbarkeit. Eine solche Situation hat Konsequenzen. Man muß sich auch fragen, wer an einer solchen Situation Interesse haben kann? Insbesonders fundamentalistischen Gläubigen ist es aus engrammatischen Gründen nicht möglich, bewußtseinsmäßig in Zusammenhängen außerhalb des Bereichs ihrer Religionsmatrix ("Realitätstunnel") zu denken.

Das bedeutet, Objekte, Fakten, Daten, die außerhalb ihrer Doktrinmatrix liegen, werden so aufgefaßt, daß sie in Funktion motivierter Wahrnehmung innerhalb der Doktrinmatrix eingeordnet werden können und wenn das nicht möglich ist, als Information gänzlich ausgefiltert, d.h, nicht realisiert. D.h. sie werden falsch oder nicht verstanden. Hier handelt es sich um erworbenen religionsimmanenten Realitätsverlust. Das System ist mit integrierter Selbsthaltung versehen:

Die Doktrinmatrix muß unbedingt erhalten bleiben, da ein Paradigmawechsel, d.h. ein Zusammenbruch des "Realitätstunnels", mit im Unbewußten situierten existentiellen Ängsten verschränkt ist, also psychologisch "tödlich" wäre, mythologisch codiert in apokalyptischen Eschatologien (Ende der Welt, Doomsday, Weltgericht, Apokalypse, Harmagedon, ...). Obwohl ein Paradigmawechsel lediglich eine Umstrukturierung oder Erweiterung der geistigen Welt-Sicht bedeutet, ist er bei christlichen Fundamentalisten, wegen ihrer Wahrnehmung religiöser Inhalte als buchstäbliche Außenrealität, tiefenpsychologisch mit extremen, buchstäblich existentiellen Ängsten und apokalyptischen Welt-Venichtungs-Phobien verknüpft. Eine Welt würde zusammenbrechen.

Die Übersetzung von 'Monotheismus' ist: engrammatische ideale Ausschließlichkeitslogik, was aus seiner inneren Lgik bedingt, daß der Bibel in ihrer Ambivalenz eine apokalyptische Tiefenstruktur unterlegt ist. Dieser ist der Automatismus eingeschrieben, daß trotz allen guten Willens, Hoffens, Glaubens, insbesonders das fundamentalistische Christentum die geistige Grundtendenz aufweist, letzten Endes unweigerlich auf die Apokalypse zuzusteuern, was auf politische Ebene transponiert nicht ganz unproblematisch ist.

Die Apokalypse und der alttestamentarische 'Bann' = Vernichtungsweihe sind miteinander in Bezug zu setzen:

  • Beiden liegt dieselbe Ausschließlichkeitslogik zugrunde.
  • Beide sind mit Heilsbotschaften für die Gottesfürchtigen befrachtet, das gelobte Land und die ewige Glückseligkeit.
  • Beide zielen auf die totale Vernichtung der dem Feindbild entsprechenden satanischen Bösewichte, d.h. aller anderen.
  • Im antiken Israel demonstrierte GOTT paradigmatisch seinen WILLEN, den er im Neuen Testament als globale Verheißung formuliert.
  • Wie der Anfang im Judaismus, so das Ende im sich als Nachfolger im Bund mit GOTT verstehenden Christentums. Im Alter erinnert sich der Mensch besonders intensiv der Zeit seiner Jugend als persönlichkeitsprägender Phase.
  • Ein psychologischer Zusammenhang, der den Schluß zuläßt, daß das Christentum prädisponiert ist, sich in der vermuteten Zeit des Endes zwecks Selbstfindung verstärkt seiner Prägungsstruktur zu erinnern, sie zu aktualisieren und entsprechende Anstrengungen zu ihrer Realisation zu unternehmen. Für das fundamentalistische Christentum ist jederzeit Endzeit.

Auf die Frage: "Wollt Ihr die Apokalypse?" würden fundamentalistische Christen mit einem erlösten "Ja" antworten.

Solange das Monotheismus-Paradigma zu einem großen Teil gesellschaftlich installiert ist, ist es ein Unsicherheitsfaktor und könnte in einer hypothetischen instabilen Krisensituation (= "Endzeit"), in der unsere Demokratie auf die Probe gestellt wäre, auch prompt abgerufen werden. Es wäre dann nicht völlig auszuschließen, daß in einem soziopolitischen Prozeß, dem Ruf nach "dem starken Mann" folgend, Politiker mit mit Ausschließlichkeitslogik codierten Engrammen, die unbewußt Steuerungsfunktion ausüben, hochgespült werden, welche trotz oder wegen bester Absichten, unabsehbaren Schaden anrichten könnten. In Funktion des Automatismus einer self fullfilling prophecy. Eine von Ausschließlichkeitslogik determinierte Politik wäre dadurch gekennzeichnet, daß sie das Heil in der Eskalation suchen würde, um einen ganz neuen Anfang zu finden. Bezeichnende Schlagworte wären 'tabula rasa machen' oder 'den Wagen an die Wand fahren' oder "Neue (theokratische) Weltordnung" Um ein etwaiges latentes Restrisiko dieser Art für unsere pluralistische Demokratie abzubauen, ist eine Bewältigung in Form von Bewußtmachung der prädispositiven Struktur unserer kulturellen abendländischen jüdisch-christlichen Prägungen und deren Implikationen unabdingbar. Die Annahme eines worst-case-Szenarios erscheint gegenwärtig berechtigterweise als völlig surrealistisch und das ist auch gut so, gleichwohl kann es vor Augen führen, daß von einem Paradigma mit monotheistischer Struktur grundsätzlich nichts Vernünftiges zu erwarten ist und es ist festzustellen, daß es ganz generell für das soziopolitische Klima einer aufgeklärten Gesellschaft nur disfunktional oder destabilisierend sein kann.

"Lasset die Kindlein zu mir kommen", spricht Jesus und sein Leben und seine Gleichnisse sind sehr ergiebig für niedliche pädagogische Geschichten im Sinne christlicher Erziehung. Gut gemeint. Aber: Jesus distanziert sich trotz "Neuem Bund" nicht nur nicht vom Paradigma des Alten Testaments, er beruft sich sogar ausdrücklich darauf und stellt damit Kontinuität her. Das macht die christliche Lehre sehr gefährlich, weil aus dem krassen alttestamentarischen Schwarz - Weiß-, Freund - Feind- Denken, aufgrund dem eine absolut zynische Menschenverachtung gegenüber "Feinden", Un- und Andersgläubigen abgeleitet wird, protofaschistische enkmuster explizit oder jedenfalls auf der Ebene des Unbewußtseins transportiert werden.

GOTT ist die Prägungen unserer Psyche, die subliminale Tiefenstruktur unserer jeweiligen Mentalität, die Topologie unserer Gedanken, das Paradigma unserer Philosophie, die Matrix unseres Berufsethos, das Koordinatensystem unserer kognitiven Bezugsgrößen, das Bezugssystem unserer politischen Willensbildung, das Skript unserer Familiensituation, unser Gruppengeist, etc. - der Filter und das Ordnungssystem unserer Wahrnehmung. In der Struktur unserer Engramme richten wir uns heimisch ein. Hier suchen wir Gott, hier läßt er sich von uns finden. Wir fühlen uns nur dann richtig wohl und geborgen und verstanden, wenn wir ein äußeres Ambiente vorfinden, welches die Prägungsstruktur unserer Engramme reflektiert. Oder wenn wir unsere Umwelt soweit umgestalten können, daß sie unsere Prägungsstruktur rechtfertigt. Dieser naturgegebene tiefenpsychologische Zusammenhang gilt auch dann, wenn unsere Engramme zufällig in einer tendenziell eher relativ ungünstigen Logikstruktur verfaßt sein sollten, e.c. in einer Ausschließlichkeitslogik. Einer Exklusiv-Oder-Logik, die uns steuert, nur dann wirklich glücklich zu sein, wenn wir im Sinne welcher Moral auch immer, Sortenreinheit vorfinden oder Sortenreinheit herstellen können. Im Extremfall durch Massaker an Angehörigen feindlicher minderwertiger Rassen oder Anhänger falscher Religionen. Das ist alles schon vorgekommen. Eine engrammatische ideale Ausschließlichkeitslogik (religiöse Transponierung: 'Monotheismus') der sorten-reinen Lehre mit Monopol auf Glückseligkeit (Joh. 14, 6) und als Gegenpol die Vernichtungsweihe aller un- und andersgläubigen Lebensunwürdigen am Jüngsten Tag (2. Petr. 3, 3 - 13), die uns nur dann wirklich glücklich werden läßt, wenn wir im freudigen Eifer ihrer Realisation unbewußt aber kompromißlos auf die Apokalypse zusteuern. Oder zumindest einen monotheistischen Gott anbeten, der vorgeblich die Schmutzarbeit für uns erledigt: an Harmagedon.

In so einem Fall ist es besser, wir lassen den Unfug einfach sein und machen uns statt dessen konstruktive Gedanken: Damit besteht die vornehmste Aufgabe eines verantwortungsvollen Christen darin, ein Gottesbild zu entwerfen, welches für Pluralismus, konstruktiver geistig anregender Kritikfähigkeit, Abbau von Ängsten, Feindbildern und Allmachtsphantasien steht. Pluralismus bedeutet auf religiös: das Gottesbild eines geselligen Gottes, der sich am liebsten im Kreise jeder menge anderer Götter neben sich befindet. Im gelungenen Idealfall kann Religiosität zum Eigenzustand des Findens des wahren Selbst führen. Die entsprechende religiöse Übersetzung lautet 'vereint sein mit GOTT'. Das Vernunft-Paradigma unseres rationalen Wissenschafts-Zeitalters kommt ohne Apokalypse aus. Soviel Verstand muß sein.