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Zuletzt aktualisiert von Atheist Steinbrenner am 6. März 2016 - 8:20

Ludwig Feuerbach, Wegbereiter einer säkularen Gesellschaft

Lieber Herbert Steffen,
sehr geehrte Gäste,
liebe Mitglieder des Bundes für Geistesfreiheit!

Der Bund für Geistesfreiheit Augsburg verleiht heute zum vierten Mal den Ludwig-Feuerbach-Preis. 2001 erhielt ihn Dr. Karlheinz Deschner, 2004 Prof. Franz Buggle, 2008 Prof. Hoerster. Dass Herbert Steffen, der Gründer der Giordano-Bruno-Stiftung, zu diesen herausragenden Wissenschaftlern sehr gut passt, wird Ihnen nachher der Laudator Dr. Gerhard Czermak erläutern.

Darüber wollen wir aber nicht den Namensgeber des Preises vergessen. Ludwig Feuerbach war mit Sicherheit der wichtigste Philosoph, den Bayern je hervorbrachte, und er hat auch sein gesamtes Leben in Bayern verbracht, wenn man von Studienaufenthalten in Berlin und Heidelberg absieht. Nach Augsburg kam er zu gelegentlichen Vorträgen, hier fand er durchaus auch Resonanz – interessanterweise mehr in der kirchenfernen Arbeiterschaft als im Bürgertum. Intensiver war seine Zusammenarbeit mit der damaligen Augsburger Allgemeinen Zeitung, die als überregionales kritisches Blatt geschätzt war und in ihrer Stellung eher der heutigen Süddeutschen Zeitung entsprach. Für sie arbeiteten zum Beispiel Heinrich Heine und der Autor des Pfaffenspiegels, Otto von Corvin, oder auch der 1848er-Revolutionär Friedrich List (der später in den USA einer der führenden Nationalökonomen werden sollte) als Korrespondenten und freie Autoren. Auch für die Verbreitung von Feuerbachs Schriften und Ideen spielte die Augsburger Zeitung eine nicht unerhebliche Rolle, doch gab es keine regelmäßige Zusammenarbeit. Damit sind Feuerbachs unmittelbare Berührpunkte mit Augsburg schon aufgezählt.

Wie so viele Kirchen- und Religionskritiker – man denke nur an Thomasius, Lessing oder auch Giordano Bruno – begann auch Feuerbach zunächst als Theologe. Bereits mit 24 Jahren promovierte er und habilitierte sich kurz danach. Aber schon in jungen Jahren stieß er auf so viele Ungereimtheiten beim Gedankengut der monotheistischen Religionen, dass er deren Grundlagen kritisch untersuchte. Prompt bekam er die Folgen zu spüren: Sein anonym erschienenes Werk „Gedanken über Tod und Unsterblichkeit“ wurde sofort nach Erscheinen verboten und der Verfasser ein Jahr später ermittelt. An eine akademische Laufbahn war nicht mehr zu denken. (Allzu viel scheint sich seither in Bayern nicht geändert zu haben, wie die umstrittenen Konkordatslehrstühle beweisen.) Als 1841 sein Hauptwerk „Das Wesen des Christentums“ erschien, notierte Marx sinngemäß, nun sei zur Religionskritik alles gesagt, er brauche nichts mehr hinzuzufügen. Feuerbach schreibt dort unter anderem: „Es handelt sich also im Verhältnis der selbstbewussten Vernunft zur Religion nur um die Vernichtung einer Illusion – einer Illusion aber, die keineswegs gleichgültig ist, sondern grundverderblich auf die Menschen wirkt.  ...  selbst die Liebe, an sich die innerste, wahrste Gesinnung, wird durch die Religiosität zu einer nur scheinbaren, illusorischen, indem die religiöse Liebe den Menschen nur um Gottes willen, also nur scheinbar den Menschen, in Wahrheit [aber] nur Gott liebt.“ Albert Einstein, der Feuerbachs Werke kannte, äußerte sich ein Jahr vor seinem Tod ganz im Sinne Feuerbachs, aber noch deutlicher: „Das Wort Gott ist für mich nichts als Ausdruck und Produkt menschlicher Schwächen, die Bibel eine Sammlung ehrwürdiger, aber doch reichlich primitiver Legenden. Für mich ist die unverfälschte jüdische Religion wie alle anderen
Religionen eine Incarnation des primitiven Aberglaubens.“

So anerkannt Feuerbachs Religionskritik ist, die in Wirklichkeit allerdings eher eine Monotheismus-Kritik ist, so wurde ihm bis vor zwei Jahrzehnten immer wieder nachgesagt, er kritisiere zwar das Christentum, zeige aber keine positive Alternative auf. Doch dem ist nicht so.

Im letzten Drittel seines Lebens hat Feuerbach wohl erkannt, dass Religionskritik zwar unverzichtbar und für alle – auch für Theologen – befruchtend ist. Aber dann begann er die Grundzüge einer diesseitigen Ethik zu entwerfen. Sehr viel konnte er dazu aufgrund seiner materiellen Notlage nicht mehr veröffentlichen, jedoch hinterließ er zahllose Notizen und Fragmente auf handschriftlichen Blättern. Erst 1999 packte Prof. Schuffenhauer aus Berlin die überfällige Aufgabe an, die Gesamtausgabe des Feuerbach-Werks abzuschließen. Beinahe wäre sogar dieses Projekt am fehlenden Geld gescheitert und ausgerechnet die beiden wichtigen letzten Bände wären auf der Strecke geblieben. Aber zum Glück hat 2007 ein privater Spender mit 15.000 Euro den Abschluss der Edition ermöglicht. Nun werden wir wohl bald die ersten Forschungsergebnisse über Feuerbachs Gesamtkonzeption eines gelungenen, humanen, diesseitigen Lebens erfahren.

Nach ersten Analysen lässt sich Feuerbachs weltlicher Humanismus auf vier Säulen stützen, die Analogien zu dem 16 Jahre älteren Arthur Schopenhauer und zu einigen Aufklärern des 18. Jahrhunderts zulassen. Man könnte sie mit den Stichworten Humanität, Rationalität, Toleranz und individuelle Selbstbestimmung umreißen, die Feuerbach in scharfem Gegensatz zu christlichen Werten wie Demut und Gehorsam sieht – mit einer Ausnahme allerdings: Humanität sieht er als weltliche Schwester der Nächstenliebe, jedoch ohne das eigensüchtige Motiv, sich damit einen Platz im Himmel zu sichern. Als Humanist prägte er den Satz „Tue Gutes um des Menschen willen“. Das ist genau jener Satz, der auf der Feuerbach-Medaille zu lesen sein wird, die unser Preisträger nachher bekommt.

Was die Toleranz angeht, so dürfen wir immerhin heute feststellen, dass die christlichen Kirchen gewisse Fortschritte gemacht haben, wenn auch vielleicht erzwungen durch eine liberaler gewordene Gesellschaft. Das Bekenntnis zur Religionsfreiheit, mit dem die katholische Kirche vor genau 50 Jahren Neuland betreten hat, wäre zu Feuerbachs Zeiten undenkbar gewesen. Wir dürfen uns allerdings nicht täuschen lassen: Der vielbeschworene „Geist des Konzils“ beeinflusst die katholischen Kirchen in den wenigen demokratischen Staaten, während weltweit immer noch der Fundamentalismus regiert.

War Feuerbach nun überhaupt ein Wegbereiter für die säkulare Gesellschaft? Seine Religionskritik fiel jedenfalls durchaus auf fruchtbaren Boden. Warum aber wird sein Modell einer säkularen Gesellschaft bis heute kaum registriert? Die Antwort: Weil es schon Feuerbach zu seinen Lebzeiten kaum öffentlich postuliert hat und weil es danach in Vergessenheit geraten ist. Hier trifft das Wort des Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein zu: „Was ein Mensch weiß, weiß kein Mensch.“ Wie so viele Wissenschaftler arbeitete Feuerbach zumindest in der Spätphase seines Schaffens nur für sich und kümmerte sich nicht um die Wirkung nach außen – jene Wirkung, die heute einerseits durch die Medien und andererseits durch Anhänger oder auch durch die Mitglieder von Organisationen erzielt wird. Eine organisatorische Verbindung zu Religionskritikern oder Freigeistern hatte Feuerbach nicht gesucht, obwohl es in Nürnberg und Fürth schon seit 1848 bzw. 1849 solche Vereinigungen gab – anders als in Augsburg, wo erst 1911 eine „Freireligiöse Gemeinde“ gegründet wurde, die sich inzwischen längst „Bund für Geistesfreiheit“ nennt.

Was Feuerbach gebraucht hätte, wäre eine Organisation, die sich einerseits um die Entwicklung des Humanismus gekümmert und die Kreativität von Wissenschaftlern gebündelt und andererseits für Publizität gesorgt hätte.

Doch eine solche Organisation existiert erst seit 2004. Und letztlich ist dieser heutige Ludwig-Feuerbach-Preis eine Auszeichnung nicht nur für den Gründer dieser Stiftung, sondern auch eine Anerkennung für diese Stiftung.

Seit ihrer Gründung hat die Giordano-Bruno-Stiftung ein Wachstum an den Tag gelegt, das bundesweit einmalig ist. Ich registriere das mit Bewunderung und Respekt, wobei gerade der Bund für Geistesfreiheit Augsburg mit Stolz feststellen kann, dass wir da mit gehörigem Abstand auf Platz zwei liegen. In einer Zeit, in der die evangelische Kirche bundesweit täglich um 800 Mitglieder schrumpft und die katholische um 650, nimmt sich ein Wachstum der gbs um täglich vier bis fünf Mitglieder oder beim bfg Augsburg um ein Mitglied alle vier Tage zwar bescheiden aus, aber wenigstens geht es bei uns nach oben. Vor gut einem Jahr konnte der bfg Augsburg das 1000. Mitglied begrüßen, letzten Samstag kam das 1100. Soviel wächst die Giordano-Bruno-Stiftung allerdings in weniger als einem Jahr, wenn auch in bundesweitem Maßstab.

Die Entwicklung dieser beiden Verbände fällt in die Zeit eines epochalen weltanschaulichen Umbruchs in Mitteleuropa, wie es ihn noch nie gegeben hat und der eine Organisation wie die Giordano-Bruno-Stiftung unverzichtbar macht.

Seit 1970 verloren die beiden großen Kirchen exakt ein Drittel ihres Bevölkerungsanteils in Deutschland, von 87 auf 58 Prozent. Seit 1990 schwindet die Mitgliederzahl jedes Jahr eine halbe Million, insgesamt von gut 57 auf gut 47 Millionen. Dabei fallen die Kirchenaustritte immer weniger ins Gewicht. Nach Abzug der Eintritte verliert jede der beiden Kirchen im Jahr „nur“ etwa 100.000 bis 120.000 Mitglieder durch Austritt, also gerade mal ein halbes Prozent im Jahr. Auf die Dauer ist allerdings auch das kein Klacks, denn in 20 Jahren sind das dann zehn Prozent. 

Aber viel dramatischer ist die Überalterung. Diese fällt auf den ersten Blick gar nicht auf, denn mehr Bestattungen als Taufen sind zu erwarten, gibt es doch auch mehr Todesfälle als Geburten. Die Überraschung kommt aber, wenn man die Relation von Taufen zu Geburten und den kirchlichen Anteil an den Todesfällen nachrechnet. Von 100 Verstorbenen waren 2010 immerhin 72 katholisch oder evangelisch, von 100 Neugeborenen wurden aber nur 51 katholisch oder evangelisch getauft. Das macht eine Lücke von 21 Prozentpunkten aus, zehn Jahre zuvor waren es fast fünf Punkte weniger, zwanzig Jahre früher sogar acht.

Woher kommt diese Entwicklung? Eine Erklärung liefern die Kirchenaustritte. Aber nicht deren Zahl ist so interessant, sondern das Alter zum Zeitpunkt des Austritts. Langjährige Umfragen in verschiedensten Kommunen bestätigen das, was auch die spärlichen veröffentlichten Untersuchungen aussagen: Demnach sind rund 70 Prozent der Ausgetretenen unter 35 Jahre alt, weitere 20 sind zwischen 35 und 50 und nur ein Zehntel ist älter als 50. Das heißt: Wer mit 50 noch in der Kirche ist, wird es mit 97-prozentiger Wahrscheinlichkeit auch im Rest des Lebens bleiben. Aber von den 20-jährigen Kirchenmitgliedern wird jeder Fünfte mit 30 schon draußen sein, und mit 40 wird es gar jeder Dritte sein. Und genau diese Generation entscheidet, ob künftige Kinder getauft werden oder nicht. Dass dabei auch die stark rückläufige qualitative Kirchenbindung eine Rolle spielt, möchte ich jetzt gar nicht mehr ausführen, das ist ja bekannt.

Wichtig ist für die Gesellschaft viel mehr, dass die kommende Generation eine vernunftbestimmte, säkulare Ethik entwickelt, die nicht die Dogmen einer bestimmten Religion widerspiegelt. Paradoxerweise ist es ja gerade der säkulare Staat, der Religionsfreiheit für alle, und nicht nur für die Mehrheitsreligion, garantiert. So gesehen müsste der Staat, müssten Kultusministerien eigentlich im eigenen Interesse viel stärker mit säkularen Organisationen zusammenarbeiten als bisher. Und dann kommen wir vielleicht am Ende auch den humanistischen Grundsätzen von Aufklärern und Humanisten wie Feuerbach näher.