Sie sind hier

Begrüßungsansprache von Dr. Gerhard Czermak

Zuletzt aktualisiert von bfg Augsburg am 20. August 2014 - 15:02

Verleihung des 2. Ludwig-Feuerbach-Preises des Bundes für Geistesfreiheit Augsburg am 29. 10. 2004 im Augsburger Zeughaus an Prof. Dr. Franz Buggle

Begrüßungsrede von Dr. G. Czermak
Begrüßungsrede von Dr. G. Czermak

Sehr geehrter Herr Prof. Buggle,

sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde

 

im Namen des Bundes für Geistesfreiheit Augsburg, K. d. ö. R., heiße ich Sie herzlich zur Verleihung des 2. Ludwig-Feuerbach-Preises willkommen. Der erste Preisträger dieses vom bfg Augsburg alle 2-3 Jahre verliehenen Preises war im Jahr 2001 Karlheinz Deschner. Er erhielt die Auszeichnung für seine Erforschung und Beschreibung der Kirchengeschichte aus nichtkirchlicher Sicht. Ich freue mich, heute auch auswärtige Gäste begrüßen zu können, an ihrer Spitze Herrn Adi Meister, 1. Vors. des bfg Bayern. Weiter begrüße ich die Vertreter verschiedener Ortsgemeinschaften des Bundes für Geistesfreiheit, nämlich von München, [Regensburg], Fürth, Neuburg a. d. Donau und Schweinfurt. Die seit heuer bestehende Giordano-Bruno-Stiftung, die mit erheblicher wissenschaftlicher Unterstützung einen evolutionären Humanismus fördert, hat eine Grußadresse gesandt. Der Vorsitzende der Nürnberger Ludwig-Feuerbach-Gesellschaft hat mich gebeten, Grüße und Glückwünsche zu überbringen. Beide Institutionen haben übrigens interessante Webseiten.

Es freut uns, dass wir Dr. Kurt Schobert, den Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben, als Laudator gewinnen konnten. Mit der DGHS verbindet uns der Gedanke der Selbstbestimmung des Menschen, der auch in der heutigen Bundesrepublik leider noch keineswegs selbstverständlich ist. Ich danke nicht nur unseren Freunden und Sympathisanten, sondern auch etwaigen solchen Interessenten für ihr Kommen, die dem bfg kritisch gegenüberstehen. Dabei setze ich freilich voraus, dass sie nichtreligiöse Menschen nicht als Feinde, sondern als Andersdenkende betrachten, denen grundsätzlich mit menschlichem Respekt und gedanklicher Offenheit zu begegnen ist: auch das leider keine Selbstverständlichkeit. Dabei bezeichnen sich in Deutschland nach allen seriösen Umfragen mehr Menschen als nichtreligiös denn als religiös. Der Presse danke ich, dass sie heute – im Gegensatz zur eingeladenen Stadt Augsburg – diesem Umstand Rechnung trägt, denn auch in Augsburg gehört eine sehr große Minderheit keiner Religionsgemeinschaft an. Wenn ich jemand vergessen habe, sehen Sie es mir bitte nach. Allen nochmals ein herzliches Willkommen!

Ludwig Feuerbach, dem zu Ehren dieser Preis verliehen wird, wurde in diesem Jahr selber des öfteren geehrt. Seines 200. Geburtstages im Jahr 1804 in Landshut wurde in Festakten gedacht, sogar durch die Stadt Nürnberg. Ehrungen erfolgten auch an zum Teil neu errichteten Denkmälern, vor allem in Nürnberg, Erlangen und Ansbach. Es wurden wissenschaftliche Symposien veranstaltet und die Universitätsbibliothek München zeigte eine Feuerbach-Ausstellung. Die Bundespost brachte eine Sondermarke heraus und sogar der Bayerische Rundfunk sendete einen Essay. Die breite Öffentlichkeit außerhalb Frankens wurde freilich kaum informiert, und das offizielle Bayern verhielt sich still. Selbst in den Ethiklehrplänen findet sich – im Gegensatz zu christlichen Gelehrten –kaum ein Hinweis auf diesen weltbekannten religionskritischen Philosophen.

Ludwig Feuerbach, Spross einer berühmten Familie, war wahrscheinlich der bedeutendste, sicher aber der wirkmächtigste Philosoph aus Bayern. Schon 1676 hat einer der Feuerbachs eine Dissertation über den Hexenwahn geschrieben: eine aufklärerische Tat. Der auch heute in Bayern hoch angesehene Paul Johann Anselm Ritter von Feuerbach, der Vater Ludwigs, gilt als Begründer einer modernen Strafrechtstheorie und kritisierte den Naturrechtsgedanken. Ein sehr kritischer Kopf also, der seiner Zeit weit voraus war, sich aber im damals fortschrittlichen Bayern voll integrierte. Seine fünf Söhne erbten des Vaters Geist. Ludwig, der ursprünglich evangelischer Geistlicher werden wollte, wandte sich mit dem Wechsel des Studienorts von Heidelberg nach Berlin von der Theologie ab und mit Hegel der Philosophie zu. Er bezeichnete die Theologie als „verwelkte schöne Blume, eine abgestreifte Puppenhülle“. „Nicht glauben, sondern denken!“ wurde seine Parole. Nach Abschluss seiner Promotion 1828 mit dem Titel „Über die eine universelle Vernunft“ wurde er 1929, mit 24 Jahren, Privatdozent in Erlangen. Dort lehrte er bis 1831 über Philosophie, darunter Metaphysik. Da wurde seine akademische Laufbahn abrupt gestoppt. Seine pantheistische Schrift „Gedanken über Tod und Unsterblichkeit“ erschien 1830 in Nürnberg zwar anonym, die Verfasserschaft Feuerbachs wurde aber bald bekannt. Ähnlich wie Kant und Hegel verneinte er die theologische oder philosophische Begründbarkeit des Jenseits- und Auferstehungsglaubens, ging aber weiter. Er nannte sie "Wunschdenken". Der christliche Gottesglaube knechte die menschliche Natur zugunsten eines fiktiven Jenseits. Kirche und Staat konnten solche Rede eines – wenn auch schon damals renommierten – Philosophen nicht ertragen. In Bayern wurde die Schrift sofort verboten, die Bewerbung des Verfassers um eine Professur an der Erlanger Universität dreimal kommentarlos abgelehnt. Theologiestudenten war der Besuch von Feuerbachs Vorlesungen verboten. Nach weiteren Jahren kritischer Dozententätigkeit zog Feuerbach sich auch aus Überzeugung nach Bruckberg bei Ansbach als Privatgelehrter zurück: Eine Universität, wo, schrieb er einmal „außer dem Kartoffelbau der Brotwissenschaften nur die fromme Schafszucht im Flor ist“, sei kein Ort für ihn. 1841 erschien Feuerbachs Hauptwerk „Wesen des Christentums“, das ihm bleibenden Nachruhm bescherte. Theologen wie der Jesuit Karl-Heinz Weger begreifen Feuerbach als große Herausforderung. „Die entscheidenden Kategorien moderner Religionskritik“, schreibt er, „sind von Feuerbach geprägt“. Ich will versuchen, in aller Kürze wesentliche Gedanken Feuerbachs hierzu vorzutragen.

Feuerbach ersetzt bekanntlich die Theologie durch Anthropologie. „Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde“ ist einer seiner bekanntesten Sätze. „Der Wunsch ist die Urerscheinung der Götter“, sagt er an anderer Stelle. Gott sei nichts anderes als das menschliche Wesen, gereinigt von dem, was Menschen als Schranke oder Übel erscheint. Er schreibt: „Wie der Mensch denkt, wie er gesinnt ist, so ist sein Gott.“ Der Gottesbegriff ist eine Projektion des Menschen, so dass Religion zur Entzweiung des Menschen mit sich selbst führt. Die These „Gott“ erklärt nach F. nichts, behindert aber Wissenschaft und Aufklärung und führt zu Intoleranz. Die Gott zugeschriebenen Eigenschaften Liebe, Gerechtigkeit und Weisheit gehen keineswegs mit dem Wegfall der Projektion Gott verloren. Zwar wird jetzt der Mensch zum Maß aller Dinge, aber aus Gottesfreunden sollen Menschenfreunde, aus Betern Arbeiter, aus Kandidaten des Jenseits Studenten des Diesseits, aus Christen ganze Menschen werden. Moral trägt dabei ihre Begründung in sich selbst und ist nicht theologisch begründbar. Wörtlich: „Wo die Moral auf die Theologie, das Recht auf göttliche Einsetzung gegründet wird, da kann man die unmoralischsten, unrechtlichsten, schändlichsten Dinge rechtfertigen und begründen.“ Für Feuerbach ist der Mensch aber nicht primär denkendes, sondern sinnliches Wesen mit Leiblichkeit, Herz und Gemüt. F. erstrebt die Einheit von Kopf und Herz, Ich und Du und räumt, obwohl ein glasklarer Denker, der Liebe den Vorrang vor dem Denken ein.

Hinter vielen Zeichen selbstloser christlicher Hingabe sieht Feuerbach Egoismus. Für ihn sind die Allerweltschristen die wahren Atheisten, diejenigen, die so leben, als ob Gott nicht existierte und für die der Segen Gottes nur ein blauer Dunst ist, in den der gläubige Unglaube seinen praktischen Unglauben hüllt. Kierkegaard hat es auch so gesehen. Demgegenüber haben Theologen Feuerbach oft als einen frommen Atheisten zu vereinnahmen versucht. Aber Feuerbach hat dem Unglauben eine rational unangreifbare anthropologische Grundlage gegeben. Sein Einfluss auf die Geisteswelt des 19. Jh., auch die des Auslands, war enorm. Der konsequente Atheismus des Demokraten und Humanisten Feuerbach stellt, so Hans Küng, eine bleibende Herausforderung an jeden Gottesglauben dar.

Zusammenfassend kann man die Position Feuerbachs vielleicht so formulieren: Man darf das Denken nicht vom sinnlich Gegebenen abschneiden, denn das spekulative Denken ist unfruchtbar. Der isolierte Begriff des Seins ist ein „pures Gespenst“. Zur sinnlich erfahrbaren Welt gehören das Ich und das Du als Basis für Ethik. Theologische Gedankengebäude sind nur gedankliche Vorstellungen, aber nicht die Sache selbst. Die feuerbach’sche Verneinung des Jenseits mündet in die Forderung, unser Leben durch Menschenliebe und kulturelle Arbeit zu verbessern. Auf dem Feuerbachdenkmal am Rechenberg in Nürnberg steht daher zu Recht das Diktum Feuerbachs: „Tue das Gute um des Menschen willen.“ Darin zeigt sich, dass das zerstörerische Element zwar notwendiger Kern jeder Religionskritik, aber nicht Selbstzweck ist, sondern Basis für eine – wie auch immer zu verstehende – Humanität. Und gerade so ist es auch mit der fundamentalen Kritik am biblischen Glauben, die Prof. Buggle, neuer Preisträger des Ludwig-Feuerbach-Preises, nach intensiven Forschungen vorgetragen hat.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche uns allen einen interessanten Abend.

Unmittelbar im Anschluss wird der 1. Vors. des bfg Augsburg, Herr Gerhard Rampp, Gedanken zum Thema „Ludwig Feuerbach und Augsburg“ entwickeln. Folgen wird eine klassische Zwischenmusik, vorgetragen von Dominik Zimmermann, bei dem ich mich schon jetzt herzlich für die musikalische Bereicherung der Veranstaltung bedanke. Die Laudatio hält, wie erwähnt, Dr. Schobert, und die Preisverleihung wird Herr Dietmar Michalke, 2. Vors. des bfg Bayern, vornehmen. Danach dürfen wir uns auf die Ansprache von Prof. Buggle freuen. Ich hoffe, dass viele von Ihnen zum anschließenden kleinen Stehempfang bei uns bleiben.