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Expertenanhörung im Bayrischen Landtag - Realisierbarkeit nichtchristlicher Beastattungen von G. Rampp

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Zuletzt aktualisiert von Atheist Steinbrenner am 24. Juni 2015 - 19:48

Realisierbarkeit nichtchristlicher Bestattungen, Expertenanhörung 17.06.2015, religionssoziologischer Anhang

(von G. Rampp)

Zentrale Bedeutung hat für den Bund für Geistesfreiheit Bayern, der eine humanistische Ausrichtung hat, sich aber auch als Interessenvertretung konfessionsfreier Menschen versteht, folgende Frage: Spiegelt das aktuelle bayerische Bestattungsrecht aus Ihrer Sicht die verfassungsmäßig gebotene Gleichstellung der Religionen wider und werden Bedürfnisse konfessionsloser Menschen in geeigneter Weise berücksichtigt?

An dieser Frage ist positiv zu bewerten, dass dem Landtag das Verfassungsgebot der Gleichbehandlung aller weltanschaulichen Richtungen bewusst ist. Daraus ergibt sich auch, dass die Gleichstellung aller kleinen Gemeinschaften unabhängig von der Größe eine pure Selbstverständlichkeit ist. Die Frage nach der „Realisierbarkeit“ islamischer Bestattungsformen hätte so eigentlich gar nicht gestellt werden dürfen. Sie sind ganz einfach zu realisieren. Oder wäre vorstellbar, dass das Bundesverfassungsgericht anderer Meinung wäre, wenn es zur Verhandlung käme?

Andererseits wissen wir alle, dass auch Verfassungsideale ohne Mehrheit im Volk nur schwer durchsetzbar sind. Aber gerade diese Mehrheiten haben sich grundlegend verändert, wie mir bestens bekannt ist als Mitarbeiter der säkularen Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (FOWID), die übrigens fast exakt zu den gleichen Ergebnissen und Schlüssen kommt wie kirchliche Experten etwa von der EZW oder vom Statistikreferat der Bischofskonferenz. Daher lautete der Hauptteil unserer Antwort auf obige Frage: „Das aktuelle bayerische Bestattungsrecht spiegelt die Mehrheitsverhältnisse wider, wie sie lange Zeit in Bayern herrschten. Bei der Volkszählung 1950 waren 97,0 % der Bayern katholisch oder evangelisch, 1987 immer noch 91,1%. Aktuell sind es knapp 70 %.“

Erlauben Sie mir, dass ich im Folgenden genauer auf diesen Aspekt eingehe, es könnte Ihnen als Politiker ja auch über dieses Thema hinaus nützen.

Noch nie sind Religionsgemeinschaften auf friedlichem Wege in so kurzer Zeit derart stark geschrumpft wie die beiden großen christlichen Kirchen in Mitteleuropa seit 1970. In Deutschland haben die beiden Kirchen seither mehr als ein Drittel ihres Anteils verloren (von damals 87 auf derzeit 57 Prozent). Wir befinden uns also mitten in einem grandiosen, öffentlich noch kaum registrierten Umdenkprozess – auch in Bayern.

Gerade im Freistaat fiel das Schrumpfen der Kirchen lange Zeit gar nicht auf, denn zahlenmäßig lagen beide Kirchen 2007 fast exakt auf dem gleichen Stand wie 1970: Die katholische Kirche hatte etwa 7 Millionen Mitglieder, die evangelische 2,6. Nur: Die Gesamtbevölkerung Bayerns hatte sich von 10,3 auf 12,5 Millionen erhöht. Die „Sonstigen“ nahmen also von 0,7 auf 2,9 Millionen zu, und ein Jahr später waren die Gruppen der Evangelischen und der Konfessionsfreien sogar gleich groß (21 %), nachdem noch bei der Volkszählung 1987 das Verhältnis 24 zu 7 % gelautet hatte.

2008 bis Ende 2013 (also in den letzten sechs erfassten Jahren) nahm die Bevölkerung pro Jahr durchschnittlich um 14.000 zu, die katholische Kirche aber um 61.000 und die evangelische um 23.000 ab. Hauptsächlich die Konfessionsfreien, aber auch die Muslime und andere Minderheiten legten also um insgesamt 98.000 pro Jahr zu.

Auch die Bindung an die Kirchen sank: 1960 gingen fast 20 % der Evangelischen und nahezu die Hälfte der Katholiken sonntags zur Kirche; heute sind es in Bayern vier bzw. 13 Prozent. Der Anteil der Verstorbenen, die auf eine kirchliche Bestattung verzichtet, stieg bundesweit auf 20 % der Evangelischen und 10 % der Katholiken. In Bayern ist diese Quote noch etwas niedriger, aber sie steigt auch hierzulande Jahr für Jahr.

Wirklich entscheidend ist aber ein anderer Faktor, der erst seit Ende der 90er Jahre ganz allmählich zum Tragen kam. Die Kirchenaustritte sind nämlich gar nicht mehr entscheidend. Stattdessen nimmt die Überalterung des Kirchenvolks rasant zu und ist seit 2012 hauptverantwortlich für den kirchlichen Mitgliederschwund. Das Fatale daran: Kirchenaustrittszahlen können und werden irgendwann auch wieder sinken, aber am Altersdurchschnitt ändert sich so schnell nichts.

Konkret: In 2010 waren bundesweit 72 von 100 Verstorbenen katholisch oder evangelisch, aber auf 100 Neugeborene kamen nur 51 katholische oder evangelische Taufen (incl. Spättaufen bis zum vollendeten 14. Lebensjahr). Zwischen beiden Werten liegen also 21 Punkte Differenz; im Jahr 2000 waren es nur 16 und 1991 sogar nur 13 Prozentpunkte. Für Bayern sind keine exakten Zahlen berechnet, vermutlich sind die Anteile der Kirchenmitglieder bei Verstorbenen wie auch bei Neugeborenen höher, aber die Differenz ist ähnlich wie im Bundesdurchschnitt.

Viel spricht dafür, dass diese Überalterung in den nächsten Jahren sogar noch zunimmt, denn unverändert gilt: Rund drei Viertel der Austretenden sind unter 35 Jahre alt, und genau diese Altersgruppe entscheidet über die Taufe oder Nichttaufe ihrer Kinder. Hält der Trend an, wird von den heute 20-jährigen Kirchenmitgliedern ein Fünftel mit 30 und sogar ein Drittel mit 40 nicht mehr in der Kirche sein.

Der Ausblick liegt damit schon auf der Hand. Etwa 2035 wird es in Bayern ebenso viele Konfessionsfreie geben wie Katholiken, und etwa 2040 werden die beiden Großkirchen auch zusammen in Bayern eine Minderheit sein.

Daher ist es angebracht, im Bestattungswesen die Belange der „Sonstigen“ stärker zu berücksichtigen – aber auch in anderen Bereichen.