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Laudatio

Zuletzt aktualisiert von bfg Augsburg am 20. August 2014 - 13:31

Laudatio auf Karlheinz Deschner anlässlich der Verleihung des Ludwig-Feuerbach-Preises durch den bfg Augsburg am 30. November 2001

Der Laudator Prof. Johannes Neumann
Der Laudator Prof. Johannes Neumann

Sehr verehrter, lieber Herr Deschner,

meine Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,

und – ja, wie sag ich es jetzt –

liebe Mitglieder des neunzigjährigen und immer noch jugendfrisch wachsenden ‚bundes für geistesfreiheit Augsburg’.

Lebte Ludwig Andreas Feuerbach im 19. Jahrhundert, so durchlebte Karlheinz Deschner das 20. und lebt – hoffentlich noch lange schaffenskräftig - im 21. Jahrhundert. Die Verbindung dieser beiden Religionskritiker durch die Verleihung des Ludwig-Feuerbach-Preises an Karlheinz Deschner von Seiten des bundes für geistesfreiheit Augsburg bzw. Bayern richtet das Augenmerk auf zwei kongeniale Denker und Schriftsteller, die zwar durch fünf schlimme Jahrzehnte getrennt sind, die aber beide dem bayerisch-fränkischen Lebensraum angehören. Ein Vergleich ihrer beider Leben, lässt viele Kontinuitäten und Diskontinuitäten deutlich werden.

Vom Fieber geschwächt, die Gedanken verwirrt, so lag ich am 06. November ds. Jahres danieder, als Gerhard Rampp, der Verantwortliche für diese Preisverleihung, mich bat die heutige Laudatio auf Karlheinz Deschner zu halten. Im Zustand körperlichen Elends und geistiger Unzurechnungsfähigkeit frönte ich meiner Charakterschwäche, schlecht Nein-sagen zu können. Hätte ich jedoch Deschners Rede anlässlich der Verleihung des Arno-Schmidt-Preises 1988 noch in Erinnerung gehabt, hätte ich nie gewagt, ja zu sagen. – Zu jener Stunde wusste ich nicht, dass just an jenem Tag Karlheinz Deschner mir aus einem anderen Grund einen sehr lieben und persönlichen Brief geschrieben hatte. Als ich diesen Brief am 11.11. erhielt, war ich – trotz aller meiner Bedenken - sehr froh, zugesagt zu haben.

Offenbar wird ein Mensch erst mit zunehmendem Alter „preiswürdig". In seiner Rede aus Anlass des Erhalts des Arno-Schmidt-Preises im Jahr 1988 hat Deschner sich darüber so seine Gedanken gemacht. Im Jahr 1993 erhielt er den Humanist Award und den Alternativen Büchnerpreis und im September des Jahres 2001 den Erwin-Fischer-Preis des ibka.

Auch wenn der heute zu Ehrende – wenigstens in diesem Kreis - nicht vorgestellt zu werden braucht, - hat er doch bereits dreimal in dieser Stadt gesprochen, - so will ich wenigstens einige Daten des bewegten Lebens von Dr. Karlheinz Deschner in Erinnerung rufen:

Im Jahr 1924 in Bamberg geboren, musste er 1942 nach dem Abitur Soldat sein. So lauten wohl die meisten schönfärberischen Lebensläufe der Kriegsgeneration. In seiner Biographie von 1988 heißt es wahrheitsgetreu: „Wie seine ganze Klasse meldete er sich sofort als Kriegsfreiwilliger und war – mehrmals verwundet – bis zur Kapitulation Soldat"; er weigerte sich jedoch höhere Dienstränge zu erklimmen und schied als Obergefreiter aus der geschlagenen Armee. In seiner Rede aus Anlass der Entgegennahme des Arno-Schmidt- Preises 1988 macht er sich dessen Abscheu vor Militär und Offizieren zu eigen. Mag sein, dass seine Kriegserlebnisse seine Neigung zu kritischer Nachfrage noch verstärkt haben.

Nach dem Krieg war er zunächst, dem Beruf seines Vaters folgend, an der Forstwissenschaftlichen Fakultät in München immatrikuliert. Dann hört er an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Bamberg juristische, philosophische und psychologische Vorlesungen; - oder, so wird man heute sagen dürfen, - was man damals dafür hielt. Schließlich studierte er bis 1951 an der Universität Würzburg Neue deutsche Literaturwissenschaft, Philosophie und Geschichte. Dieses Studium schloss er mit einer Dissertation über „Lenaus Lyrik als Ausdruck metaphysischer Verzweiflung" ab. – Wir merken hier an: Verzweiflung – was etwas anderes ist als Zweifel – war schon dem jungen Deschner Gegenstand der Nachfrage.

Ähnlich Feuerbach war in der akademischen Zunft für ihn und seinen scharfen Geist, seinen ätzenden Spott und seine kritische Sicht der Dinge und Zeitläufte kein Platz. Dafür war er zu klarsichtig und unbestechlich. Für einen Familienvater mit drei Kindern war das eine nicht gerade komfortable Situation.

Sein 1956 erschienenes belletristisches Erstlingswerk „Die Nacht steht um mein Haus" löste einen wahren Sturm in der literarischen Welt aus. Schon damals rühmte die Kritik: „Seine Sprache ist wie eine Lawine, wie ausbrechende Lava, sie brennt wie Vitriol und steigt einem zu Kopf wie Alkohol. Alles in allem ist Karlheinz Deschner ein vollendeter Sprachkünstler." Bereits ein Jahr später mischte er mit seinem literaturkritischen Angriff „Kitsch, Konvention und Kunst" die sich behäbig einrichtende „neue" deutsche Kulturszene auf.

Und nun ging es Schlag auf Schlag: Mit dem kirchenhistorischen Werk „Und abermals krähte der Hahn. Eine kritische Kirchengeschichte" (1962) fasste er seine vielen bis dahin erschienenen, umfangreichen Vorarbeiten in einem Werk von stupender Sachkenntnis zusammen. Es folgten rasch hintereinander zahlreiche – durchaus nicht nur kirchenkritische - Veröffentlichungen, so dass man sich fragt, wie dieser Meister der Sprache die unzähligen Bücher hat schreiben und nebenher noch mehrere tausend Vorträge hat halten können; 1990 waren es bereits mehr als 2000. Offenbar kann er schneller schreiben, als andere lesen.

Dabei ist Deschner keiner, der bei anderen abkupfert; vielmehr geht er ad fontes und überprüft die überlieferten Legenden und nennt Lügen Lügen, Betrug Betrug, und Verbrechen Verbrechen. Der Kirchenhistoriker Erich Beyreuther attestiert ihm in den Pastoral-Blättern (Stuttgart) „Deschner ist gut orientiert. ... Die entscheidenden Tatsachen aus seiner ‚Skandalchronik’ bleiben ... hieb- und stichfest." Es ist seine Stärke, dass seine kirchlichen Kritiker ihm keine sachlichen Fehler oder falsche Deutungen vorwerfen können. Was sie ihm vorwerfen ist, dass er „ahistorisch", ohne Rücksicht auf die Zeitumstände und die bestehenden Möglichkeiten, die Kirche nur kritisiere, ihre positiven Leistungen jedoch nicht erwähne. Obwohl alle Einzelheiten unbestreitbar sind, sei gleichwohl, so die kirchlichen Kritiker, das „Ganze falsch". Er sei „nicht objektiv". Und er sei verbissen und humorlos, ein gefühlloser Rationalist.

Und diese apologetischen Kritiker merken noch nicht einmal, wie sehr sie mit solchen Vorwürfen seine Feststellungen bestätigen: „Wir die Guten, er der Böse".

Wenn die Kirche eine terroristische Vereinigung wie jede andere wäre, hätte sich Karlheinz Deschner vielleicht auf seine literarischen Arbeiten, die er ja ohnehin ebenso erfolgreich wie souverän beherrscht, beschränkt. Was jedoch einen redlichen Menschen wie ihn in Wut und Rage versetzen kann, ist der hehre Anspruch mit dem die Kirche von Anbeginn an aufgetreten ist und auftritt und die hohe moralische Qualität, die ihre Potentaten für sich beanspruchen. Angesichts dieser krassen Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen hehrem Augenaufschlag und brutaler Machtdurchsetzung, sind Zorn und Wut angemessene Reaktionen. Das dürfte es sein, was Karlheinz Deschner veranlasst, sich seit nun mehr fünf Jahrzehnten mit der Geschichte des Christentums abzuplagen, obwohl er sich – nach eigenem Bekunden - erfreulichere Gegenstände seines literarischen Arbeitens denken kann. Er geißelt nicht nur die Machtgier der Kirchenherrscher und die Verderblichkeit der christlichen Lehre, sondern sieht, dass - heute wieder mehr noch als gestern – die Kirchen diejenigen Institutionen sind, die nicht nur unsere Gesellschaften nachhaltig geprägt haben, sondern die sie in fast allen Bereichen beherrschen und finanziell ausbeuten. Gleichwohl genießen sie unreflektiert hohes soziales Ansehen; ihnen wird geglaubt; denn sie gehören als selbstverständliches Traditionsgut zum individuellen wie gesellschaftlichen Alltag. Wenn sie sich für den „Sinn des Lebens", den „Lebensschutz" und „soziale Gerechtigkeit" echauffieren und göttliche Verheißung für sich in Anspruch nehmen, wachsen ob dieser Doppelzüngigkeiten bei Deschner Zorn und Wut.

So kann Wolfgang Kretschmer den Preisträger folgendermaßen zitieren: „Mich empört das Verbrechen, das im Schein der Heiligkeit auftritt. Heiligenschein! Bedenken Sie allein das Wort! Mich erregt es, dass Millionen Menschen eine durch ungeheure Gräuel gebrandmarkte Institution nicht nur dulden, sondern fördern und bewundern. Was Heilsgeschichte noch gefährlicher als die sogenannte profane macht, ist die metaphysische Maske, die sie trägt. Ist die Tatsache, dass die Kirche erst krank macht, um ‚heilen’ zu können. Dass sie eine viel größere Erfahrung in der Korruption hat, im Ausbeuten, im Täuschen. Dass ihr Religion als Vorwand dient, um effektiver Politik zu treiben und nichts als Politik. Machtpolitik und nichts als Machtpolitik. Dass ihre Kleriker und Gläubigen die schlimmsten Verbrechen begehen können, weil es doch um ‚Gottes’ willen geschah und geschieht."

Eine ganz zarte Masche der Diskriminierung des Autors stellt die - gerade auch bei „wohlgesonnenen" Interviwern – oft gestellte Frage nach den frühen Traumata durch seine – streng? – katholische Erziehung dar: Dann hätte man ja einen Grund bzw. eine Erklärung für die „hasserfüllten Augen", die ein Kirchenmann bei Karlheinz Deschner glaubte feststellen zu können. Es ist für Zeitgenossen, die sich für „normal" halten und die seit frühester Kindheit die Selbstlobpreisungen der Kirchen internalisiert haben, offensichtlich nicht verstehbar, dass sich jemand mit solcher Leidenschaft engagiert, ohne traumatisiert zu sein. Dass alleine der Wille zur historischen Wahrheit einen Menschen wütend machen kann, wird kaum verstanden.

Das allein ist schon ein vernichtendes Urteil für die „Wahrheit des Christentums", dass es verstanden hat, das Gefühl für Wahrhaftigkeit und Anstand zu ertöten. Und nichts beleidigt den Menschen tiefer, als wenn er erfährt, dass er von dem, der ihm sagt, er solle ihm vertrauen, getäuscht worden ist. Dann baut er zum eigenen Schutze einen Wall, nach dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.. Wenn der (evangelische) Theologe W. Schmithals in einer Rezension zu Deschners „Opus diaboli" schrieb: „..denn. denken ist Deschners Stärke nicht." (Tagesspiegel 18.12.1968). O, würden doch diese Theologen nur halb so viel und halb so gut denken, wie Deschner, vielleicht wäre es dann um die älteste in Europa bekannte Terrororganisation besser bestellt! Deschner sagte auf diese Sottise nur: „Theologen glauben, der Geist weht, wenn sie Windeier legen." So mag es wohl sein.

Ja, es ist so: Deschner ist wie ein reinigender Sturm, er macht süchtig, er lässt einen nicht los; seine Sprache überwältigt einen! Aber, das ist nicht das Entscheidende, sondern, dass, wer denkt und mitdenkt, von Deschners stringenter Argumentation und der Klarheit seiner Darlegung – unabhängig von der Mächtigkeit seiner Sprache – im Tiefsten seines menschlichen Wesens , seiner personalen Verantwortung angerührt wird. Er ist um der Opfer und der Lügen willen zornig, aber er hasst nicht. Seine Feststellung, „Wer aber ohne Anfechtung aufklärt und Trauer, ist mir fremder als der religiöse Mensch," ist von so unmittelbarer Menschlichkeit, dass man dafür keine religiös salbadernde Begründung braucht. Voller Leidenschaft und Wut setzt er sich immer wieder auch für von der Hierarchie verratene Christen ein; er gesteht: „Jede Religion lebt davon, dass ein Teil ihrer Diener mehr taugt als sie . Und manchmal, selten genug, taugt sogar ein Papst – gemeint ist Johannes XXIII. - mehr als das Papsttum." So redet kein Hassender, sondern nur einer, der die Menschen – trotz all ihrer Torheiten - besorgt liebt.

Gleichwohl kommt von Seiten der kirchlichen Apologeten mit ermüdender Monotonie immer wieder das alte, klischeehafte Argument von der Humorlosigkeit der Atheisten im allgemeinen und jener Deschners im besonderen. Mir wird immer schleierhaft bleiben, wieso Humor ein Ausdruck besonderer Gelassenheit angesichts massiver Verbrechen sein soll!

Was wäre wohl dem Karikaturisten geschehen, der aus dem Angriff auf das WTC am 11. September 2001 eine nette, humorvolle Skizze zu machen gewagt hätte? Da wird deutlich, dass auch Humor offensichtlich seine Grenzen hat. Auch über den Holocaust witzeln wir nicht. Aber über die Opfer der Inquisition, der Ketzerverbrennungen im Namen Gottes, des „Barmherzigen", und die Hexen darf gelacht werden. Als ob einem da nicht das Lachen genauso im Halse erstickt?

Worüber ich jedoch herzlich gelacht habe, war Deschners Schilderung von einem „Katholikengrüppchen" das nach einem seiner Vorträge ans Podium drängte und ein Frau mit weit vorgestreckten Armen und gefalteten Händen strahlend rief: „Wir beten für Sie, dass Sie ihr Werk zum Abschluss bringen!" Diese Geschichte hat mich an jene Anekdote erinnert, wonach bei der Verbrennung von Johannes Hus in Konstanz im Jahr 1415 ein Bäuerlein einen Arm voll Reisig zum Scheiterhaufen trug, um „ein gutes Werk" zu tun. A propos Hus: Auch seine Ermordung aufgrund des Bruchs des heiligsten Versprechens auf freies Geleit, ist eines von unzähligen Beispielen der Skrupellosigkeit kirchlicher Machtgier.

Feuerbach vertritt in seinem Hauptwerk, Das Wesen des Christentums (1841), die These, Gott sei nichts anderes als eine Projektion, die sich aus allgemein-menschlichen Idealen entwickelt habe. Er vollendet in gewisser weise die von d’Holbach (1723-1789) angedachte Infragestellung des Theismus, was damals selbst für die religionskritischen Aufklärer noch tabuisiert war. Mit seiner Schrift Christianisme dévoilé hatte d’Holbach eine bis dahin sorgsam geachtete „Schwelle überschritten" und „ohne Umschweife die Nutzlosigkeit jeder Religion" behauptet.

Insofern steht der Geehrte auf den Schulter dieser beiden Vordenker. Jene Philosophen, die sich um d’Holbach scharten, gingen - im Gegensatz zu Voltaire - davon aus, dass die Aufklärung einen Kampf in zwiefacher Richtung führen müsse: gegen die Mächtigen und die mit ihnen liierte „l’infame", die Religion. Für d’Holbach wie für Feuerbach war klar, was Karlheinz Deschner mit unendlich viel Belegen immer wieder vorführt: Wie eng der Bund zwischen den – weltlich – Mächtigen und den – geistlich – Herrschenden war – und auch heute noch ist. Die Koinzidenz der Interessen ist erschreckend. Schon allein darum können die Kirchen in ihrer historischen Gestalt die Interessen ihrer Gläubigen nicht vertreten, weil es ihnen letztlich nicht um die Menschen sondern die eigenen institutionellen Interessen geht.

Das eigentlich Erschütternde jedoch ist, dass auch nach Auschwitz und Shoa diese Mechanismen koordinierter Machtlegitimierung unverändert, ja noch umfassender weiterbestehen und sich metastasenartig ausbreiten und in Palästina die ehemals Verfolgten zu Verfolgern werden.

Durch den Zerfall der Sowjetunion, des „leibhaftig Bösen", ist die seit 1945 bestehende bipolare Weltordnung durch eine unipolare Struktur ersetzt worden. Deren agierendes Zentrum sind die USA. Der Zweite Golfkrieg von 1991 hat dies – wieder - deutlich gemacht. Der „Krieg" gegen den „internationalen Terrorismus" – der ja nur eine Verteidigung gegen die Bösen darstelle - setzt jene weltumspannenden Herrschaftsansprüche fort. Nun ist Recht geworden, was den USA nützt und jedes Aufbegehren dagegen heißt „Terrorismus" oder Verrat.

Schon längst vor dem Anschlag vom 11. September 2001 war deutlich geworden, dass die modernen Gesellschaften die von ihnen selbstgeschaffenen Probleme der Globalisierung und Monetarisierung, die wachsend Sinndefizite und Verzweiflung produzieren, nicht mehr angemessen und menschengerecht zu lösen vermögen. Angesichts der an jenem Tag in Feuerbällen unübersehbar gewordenen Krise erschreckte die Welt. Aber die allgemeine, zur Unfähigkeit verdichtete Unwilligkeit zu rationaler und vorurteilsloser Analyse der Ursachen und ihrer Folgen scheint sie nicht überwinden zu können. War schon seit zwei Jahrzehnten eine allgemeine Sehnsucht nach Harmonie und Flucht vor der Wirklichkeit zu beobachten – hin zu neuen Irrationalismen, hin zu heilenden Steinen und lenkenden Sternzeichen, hin zu neuen Propheten und Gurus, so scheinen diese nun vor der stabilisierenden, den Wehrwillen stärkenden Kraft der traditionellen Kirchen – vor allem in den USA - zurückzutreten. Die zur Schaustellung der Frömmigkeit der „Guten" in den inszenierten Gebeten von Bush-Vater und Bush-Sohn sind für Europäer - noch – äußerst befremdlich Nichts dürfte jedoch die tiefe Ratlosigkeit der gegenwärtigen politischen und intellektuellen Eliten deutlicher machen als folgende zwei mit einander korrespondierende Entwicklungen in der Politik:

- Zum Ersten wird die von den Regierenden schon lange begonnene und geplante Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten in Kernbereichen unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung forciert. Die heute gegebenen technischen Möglichkeiten, die Bürgerinnen und Bürger zu Objekten obrigkeitlicher Kontrolle zu machen, wird nun unverhohlen ausgeweitet. Durch diesen hektischen Aktivismus soll das weltweite Versagen der teuren „Dienste" vergessen gemacht und den Bürgern das verlorene Gefühl von Sicherheit wieder gegeben werden.

Parallel dazu ist eine - zweite Entwicklung –vor allem in den USA aber auch in etlichen der ehemals sozialistischen Ländern - zu beobachten: Die bewusst propagierte Reaktivierung der symbolischen Bedeutung von Religion und Nation zur Formung einer homogenen Gesellschaft, in welcher der Andersdenkende und der Andersglaubende zum Feind stilisiert wird.

Nation und Civil religion stellen gerade in den USA schon immer eine –verfassungsrechtlich zwar inkorrekte, tatsächlich aber mit Inbrunst gelebte – Symbiose dar. Niemand hat wohl so präzise die ungeheuerliche Verquickung von Religion und Macht, von Nationalismus und Glauben in den USA beschrieben wie Deschner in seinem grandiosen Essay „Der Moloch" von 1992. Es wäre zu wünschen, dass der „Krieg" gegen die Taliban, diesen afghanischen Ziehkindern der US-Strategen gegen Russland, ihn zu einer ergänzenden Neuauflage veranlasst! In diesem Kampf , in „dem Gott, der Allmächtige", wie US-Präsident George W. Bush bittet, „Amerika schützen" möge, bittet sein Kontrahent, Osama bin Laden, „Gott, den Barmherzigen und Gnädigen" die Sache der Taliban und „des" Islam zu fördern. Das ist für diesen Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs eine peinliche Situation: Auf ihn haben sich sowohl Jesus als auch Mohammed berufen. Wem soll er nun helfen?

Unter dem Druck fundamentalistischer protestantischer Gruppen – für sie wurde bekanntlich dieser heute inflationär gebrauchte Begriff ursprünglich erfunden - erlebte die Gesellschaft der USA zumindest seit der Reagan–Administration (1980-1988) einen konservativen, religiös geprägten roll-back: Man verstand und versteht sich wieder völlig unverblümt als „God’s own people", man weiß sich als die Guten gegenüber allen anderen, den Bösen. So konnte Vater George Bush im Frühjahr 1991 öffentlich feststellen, „Atheisten seien weder Staatsbürger noch Patrioten" Damit sind solche Personen im Lande der Freiheit und Menschenrechte letztlich zum Abschuss frei gegeben. Die gewalttätigen Angriffe auf Andersdenkende, etwa auf Abtreibungskliniken und Geschäftsstellen der Atheisten und Freidenker, und die perverse Schießlust, die als Ausdruck individueller Freiheit gepriesen wird, sind ebenso wie die wachsende Anzahl der (vornämlich farbigen) Gefängnisinsassen und die zunehmenden Hinrichtungen sowie die grassierende Arbeitslosigkeit zu einem neuen Symbol des american way of life geworden.

Dem europäischen Betrachter fällt dabei auf, dass diese selbstverständliche Koalition zwischen Religion, Macht und Kapital gewissermaßen „urwüchsig" funktioniert, von unten her, ohne hierarchische Weisung, vielmehr gänzlich nach den Mechanismus der massenkommunikativen Werbung. Das Gefühl von der Nation, als elektronisch inszenierte Massenbewegung, welche die Sicherheit vermittelt, zu den Guten zu gehören, schafft ein Fluidum, das jenem der kirchlichen Wallfahrten und Pogrome wie auch den Massenaufmärschen der Faschisten und der Sowjets erschreckend ähnelt.

Die Gelöbnisse der Kreuzfahrer „Gott will es!" wie der Gotteskrieger, eines Osama bin Laden „Allah will es", sind identisch. Sie sind durch die Jahrhunderte gleichgeblieben: Von der Hidschra, der Auswanderung Mohameds nach Medina im Jahr 622 u.ZR, über die „Kreuznahme" in Clermont im Jahr 1095, die Ausrufungen der Reconquista bis zur jubelnden Begeisterung beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs und dem frenetischen „Ja" auf die Frage des Einpeitschers Goebbels im Februar 1943, „wollt ihr den totalen Krieg?". Das sind uralte religiös-politische Rituale. Sie reichen bis zur Versicherung der „uneingeschränkte Solidarität" mit den Amerikanern durch den deutschen Kanzler im September 2001.

Solche Verhaltensweisen aber sind Regressionen in eine voraufgeklärte, ja archaische Einheit von Politik und Religion, von Machtanspruch, nationaler Überheblichkeit und messianischem Sendungsbewusstsein: „Wir die Guten, ihr die Bösen!"

Solche Zeiten sind Hoch-Zeiten für die Indienstnahme religiöser Bilder und Sehnsüchte durch Machtinteressen. Karlheinz Deschner hat in seinem œvre gelehrt, den Missbrauch der Sehnsüchte der Menschen nach Sinn und die Verkehrung des Verlangens nach Frieden durch die geistlichen und weltlichen Potentaten, wahrzunehmen als das was sie sind: Betrug im Interesse der Herrschaftsausübung und Machtstabilisierung. Religion ist zu oft das beste Mittel, Gewalt zu legitimieren.

Eigentlich wollte ich hier einen kleinen Essay über Religion und Politik anfügen. Doch in der Dokumentation des pakistanischen Autors Ahmed Rashid , „Taliban" fand ich einige Seiten, die eindrucksvoll die Umformung des koranischen Islam zum brauchbaren politischen Instrument zeigen. Mir scheint es besser, statt eigener Worte die Entstehung des talibanisch-afghanischen Islamismus an diesem Beispiel vorzuführen. Es scheint mir idealtypisch dafür zu sein, wie selbstverständlich Religion – auch illegitime - Herrschaftsansprüche legitimiert. Und seien sie grausamster und systemwidrigster Art.

In einer Situation völliger Zerstrittenheit der Taliban und der mit ihnen sympathisierenden Gruppen hatte im März 1996 Mullah Omar, (der selber keine religiöse Ausbildung hat und aus einer kulturell extrem unterentwickelten Region im Süden des Landes stammt), alle religiösen Paschtunen-Führer nach Kandahar eingeladen. Die lokalen militärischen Befehlshaber, die traditionellen Clan- und Stammesführer waren ebenso wenig eingeladen, wie Vertreter jener Gruppen, die nicht den Paschtunen angehörten. Es sollte ein Aktionsplan für die Zukunft des Landes entworfen und debattiert werden, wie man die Scharia am besten geltend machen könne. Vor allem jedoch sollte der Führer der Taliban als mächtigster Führer „inthronisiert" werden. Um die tiefgehenden Differenzen zu überdecken, nominierten Vertrauten von Mullah Omar diesen zum „Amir-ul Momineen", zum „Befehlshaber der Gläubigen". Mit diesem islamischen Titel war er zum unumstrittenen Führer des Dschihad und zum Emir von Afghanistan erkoren. Wenig später erschien Omar auf dem Dach eines Hausese im Stadtzentrum von Kandahar, angetan mit dem Umhang des Propheten Mohammed, der zum ersten Mal seit 60 Jahren wieder dem Schrein entnommen worden war. Während Omar sich diesen Mantel umlegte und ihn im Winde flattern ließ, jubelte ihm die im Hof versammelte Menge der Mullahs zu und rief „Amir-ul Momineen". Diese Szene ähnelte jener, die bei der Bestätigung von Kalif Omar als Führer der Muslimgemeinschaft in Arabien nach dem Tor des Propheten Mohammed stattgefunden hatte. Dazu stellt Ahmed Rashid fest: Dies „war ein politisches Meisterstück, denn durch den übergeworfenen Umhang des Propheten hatte Mullah Omar sich das Recht herausgenommen, nicht nur alle Afghanen, sondern alle Muslime zu führen."

Das Ende –oder vielleicht erst den Anfang ? – auf jeden Fall aber die Folgen dieser religiösen Gewalttätigkeit erleben wir gegenwärtig. Auch hier zeigt sich wieder, was Deschner nicht nur in seiner „Kriminalgeschichte" aufzeigt: Durch nichts lassen sich Machtgier und Herrscherwut besser legitimieren, als durch Religion. Wie die Kreuzritter sagen auch die Taliban: „Unsere Feinden können wir lieben, wenn wir sie besiegt haben."

Das geschilderte Ereignis aus dem Jahr 1996 hat nicht der Religionskritiker Deschner erdacht, sondern das haben machtgierige, in religiöser Tradition stehende Hasardeure praktiziert. So wie es auch schon Konstantin getan hat.

Diese Inszenierung – und damit komme ich zum Schluss auf den Namensstifter dieses Preises zurück – könnte Feuerbach in seinem Essay „Das Wesen der Religion" als Exemplum für seine These, die Religion sei ein Produkt der Menschen, angeführt haben. Aber – wie wir gesehen haben – die Realität ist stets noch grotesker als die Phantasie!

 

Lieber Herr Deschner, in ihrem gesamten reichen und vielfältigen Werk kämpfen Sie für den Menschen und seine Freiheit. Sie sind kein trauriger Misanthrop, sondern ein - ob der Gemeinheiten, die Menschen anderen Menschen – aber auch aller lebenden Kreatur und der Natur antun - , empörter Menschenfreund und Freund alles Lebendigen. „Nur Lebendiges schwimmt gegen den Strom" – haben Sie ein Bändchen nachdenklicher und bedenkenswerter Aphorismen tituliert. Ich meine, dieses Büchlein ist ein guter „Beichtspiegel" für Agnostiker.

Sie sind, wie Ihr Zitat „Von Zweifel zu Zweifel, ohne zu verzweifeln." zeigt, ein – wie Sie es selber formulierten, im Grunde „aus lauter Zweifeln bestehender gläubiger Mensch."

Damit machen Sie vielen Menschen, die zweifeln, Mut, die Zweifel nicht in Verzweiflung münden zu lassen.

Dafür soll dieser Preis ein Zeichen des Dankes und der Verehrung sein!

 

Meine herzliche Gratulation.

Meine herzliche Gratulation auch an den bfg Augsburg, denn einen würdigeren ersten Preisträger des Ludwig-Feuerbach-Preises hätte schwerlich gefunden werden können.

© Johannes Neumann