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„Neuer Atheismus“ und politischer Humanismus

Zuletzt aktualisiert von bfg Augsburg am 18. August 2014 - 17:50

Bedeutung für Konfessionsfreie *

Dr. Volker Mueller

Der Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften e.V., vormals als Deutscher Volksbund für Geistesfreiheit im Oktober 1949 gegründet, vereint gegenwärtig zehn freigeistig-humanistische Vereinigungen. Er vertritt die unterschiedlichen Interessen seiner ihm angehörenden freien Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften in Deutschland und ist in der IHEU (Internationale Humanistische und Ethische Union) und der EHF (Europäische Humanistische Förderation) als Mitglied aktiv. Wir merken immer wieder, dass Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, Offenheit und Gleichberechtigung die wesentlichen Voraussetzungen für gemeinsames Arbeiten und Streiten sind. Sie wahren die Identität des DFW und den Respekt und die Toleranz voreinander, die zu freundschaftlicher Verbundenheit führen. Dies wurde wieder durch die kürzlich stattgefundene DFW -Hauptversammlung 2008 in Hamburg belegt.

Im DFW gilt die Auffassung, dass Werte und Normen eines Gemeinwesens nur bei Wahrung der Würde jedes Einzelnen im Dialog vereinbart werden können. Intolerante Ideologien, Dogmen, rassistische und völkische Denk- und Verhaltensweisen, autoritäre Strukturen sowie Gewaltanwendung und -androhung stehen im Widerspruch hierzu. Der DFW ist parteipolitisch unabhängig und tritt für die Trennung von Staat und Kirche und die Gleichstellung aller Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften ein. Die DFW-Mitgliedsorganisationen sind als Kultur- und Interessenorganisationen tätig. Wir treten für die Gleichbehandlung aller Weltanschauungen und Religionen in Staat und Gesellschaft ein, soweit diese keinen Absolutheitsanspruch erheben und ihre Ansichten nicht auf undemokratische Weise durchsetzen möchten.

Als die Gründungsväter des damaligen Volksbundes für Geistesfreiheit am 8. Oktober 1949 in Wiesbaden zusammengekommen sind, um einen gemeinsamen Verband zu gründen, spielten gewiss mehrere Überlegungen eine Rolle: Die Erfahrungen aus der Zwangsherrschaft und Hitler-Diktatur, aus Krieg und Not haben die überlebenden Menschen tief gezeichnet und ihre Lebensgrundlagen drastisch verändert. Weltanschauungen gingen zu Bruch, ethische Lebensvorstellungen galt es, neu zu gewinnen.

Wir sehen den tiefen Bruch in der freigeistigen Bewegung, die 1933 durch den Nationalsozialismus zerschlagen wurde. Viele Freigeister fielen den Nazis zum Opfer, litten oder emigrierten. Die „Reichsarbeitsgemeinschaft freigeistiger Verbände der deutschen Republik“ konnte während der Weimarer Republik eine umfassende gesellschaftspolitische Aktivität entfalten; sie vertrat über eine Million Mitglieder. Schon vor dem 1. Weltkrieg war auch die Bildung des „Weimarer Kartells“ ein erfolgreicher Versuch, die freigeistigen Kräfte in Deutschland zu bündeln, einer Zersplitterung entgegenzuwirken und gemeinsame Interessen zu formulieren und umzusetzen. Somit steht unser heutiger Dachverband in einer klaren direkten Traditionslinie demokratischer freigeistiger Interessenzusammenschlüsse, die trotz aller Individualität und gelegentlichen Zersplitterung ein selbstbestimmter Weg für Vereinigungen und Körperschaften kirchenfreier Menschen ist.

Als ideelle Basis im DFW konnten wir erkennen, dass wir keine irrationalen und übernatürlichen Kräfte oder Mächte sehen und benötigen, um sich die Zusammenhänge der Welt und des Zusammenlebens der Menschen in der Natur zu erklären. Denken, Geist und Glaube haben für uns keine Tabus und Vorurteile, keine Dogmen, vor allem keine religiösen Dogmen. Dies ist auch das Maß unserer Religionskritik.

Unsere Vereinigungen im DFW vertreten undogmatische Lebensauffassungen, die auf den Menschenrechten basieren und diese umzusetzen wie zu schützen trachten. So sind wir der Auffassung, dass sich Menschen ihren Sinn des Lebens – im Rahmen ihrer jeweiligen Kultur – selbst geben. Wir stehen in den freigeistigen Traditionen der Aufklärung sowie der atheistischen, freireligiösen, freidenkerischen und humanistischen Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts.

Unsere Weltanschauungen leben davon, dass sie auf verschiedene Zugänge und Quellen bauen und Verbindung zu den Wissenschaften halten. Wir haben keinen Bezug zu monotheistischen und polytheistischen Religionen. Wir lehnen das Staatskirchentum und den Monopolanspruch der christlichen Kirchen ab. Uns verbindet auch, dass wir geistige und soziale Lebenshilfen über unsere Vereinigungen hinaus anbieten und als Kultur- und Bildungsorganisationen wirken. Wir treten für die Gleichbehandlung aller Weltanschauungen und Religionen in Staat und Gesellschaft auf der Basis des Grundgesetzes ein. Der weltanschaulich neutrale Staat ist Grundlage für unsere plurale Zivilgesellschaft. Hier ordnen sich unsere politischen Aktivitäten für eine laizistische Europäische Union und ihre Verfassung und für einen säkularen Europäischen Wertekonsens in kultureller Vielfalt ein.

Die Trennung von Staat und Kirche, wie sie schon im Mai 1949 im Gründungsaufruf des Dachverbandes als Forderung enthalten ist, reicht weit zurück in die Anfänge unserer Bewegung, in die Aufklärung und in die freireligiösen Bestrebungen der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Eine Entkonfessionalisierung des öffentlichen Lebens, keine Privilegierung nur einer weltanschaulichen Richtung, die Gleichstellung und Gleichbehandlung aller Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften, insbesondere der Schutz weltanschaulicher und ethnischer Minderheiten, standen und stehen im Vordergrund. Dabei richten wir uns gegen fundamentalistische und sektenartige Entwicklungen sowie gegen den Alleinvertretungsanspruch der beiden christlichen Kirchen, alleinige moralische Instanz in der Gesellschaft zu sein. Freidenker, Humanisten, Atheisten, Agnostiker, Monisten, Freireligiöse, Unitarier und andere Freigeister haben ebenfalls Ethiken, haben demokratische Werte und humanistische Verhaltensweisen.

Aus dem Gesagten ergibt sich, dass es im DFW wenig Verständnis für freigeistigen Populismus und nur scheinbar neue weltanschauliche Aussagen gibt. Bei genauer und theoretisch redlicher Betrachtung festigt sich der Eindruck, dass die Begriffe vom „Neuen Atheismus“ und „Neuen Humanismus“ doch nur der gute alte Wein in alten Schläuchen ist. Und dieser Wein ist gut (!) und hat zu Aufklärung, Demokratie und Menschenrechten geführt. Es besteht die Gefahr, für ein schnelles mediales Echo unhistorisch zu werden, wenn übersehen wird, dass der in der frühen Aufklärung entstandene und sich mit den Wissenschaften weiterentwickelte Atheismus und der im Renaissancehumanismus begonnene Humanismus unsere heutigen freigeistigen und säkular humanistischen Grundlagen sind und bleiben. Neu sind vielleicht eher ihre Formen und Herausforderungen, aber die Inhalte von Atheismus und Humanismus sind in ihrem Wesensgehalt geblieben - auch für die Moderne und Postmoderne.

Die heterogene Zusammensetzung des DFW führt zu einem ständigen Diskussionsprozess, der in den letzten Jahren zu produktiver Auseinandersetzung, zu innerer Stabilität und zu effektiveren Arbeitsweisen geführt hat. Diese Heterogenität ist eine Stärke! Sie führt zu der Notwendigkeit, die Fähigkeiten der Konsensfindung und der Kompromissbereitschaft klug zu entwickeln. Ergebnisse konnten vor allem in der Menschenrechtspolitik, in der internationalen Arbeit des DFW, in der Bildungspolitik, im Verhältnis von Staat und Religion/ Weltanschauung und in der Sozial- und Kulturpolitik erarbeitet und vorgelegt werden.

Hauptanliegen damals wie heute ist, mit einer Stimme gemeinsam nach außen aufzutreten, vor allem in den gesellschaftspolitischen Bereichen und den Medien. Der Respekt vor der Identität des Anderen, seinen Sichtweisen, Traditionen und verbandseigenen Verfahrensweisen ist der Garant dafür, dass der DFW seine Aufgaben erfüllen kann. Toleranz und freies Denken und Handeln sind zunächst unter den freigeistigen Vereinigungen selbst nötig, um glaubwürdig unsere Forderungen öffentlich zu vertreten. Hierfür ist der Dachverband DFW ein gutes Modell.

Der DFW strebt seit langem ein säkulares Netzwerk für alle an, sieht sich aber keinesfalls selbst schon als dieses Netzwerk. Es ist im Dialog zu entwickeln. Hierbei war die Diskussion um die Zentralratsidee hilfreich, wenn sie auch manche Illusionen beinhaltet. Der Begriff „Dachverband“ erscheint uns sehr tragfähig und offen, Begriffe wie „3. Konfession“, „Zentralkomitee“ und „Leitkultur“ werden im DFW eher kritisch gesehen oder sogar abgelehnt. Die Chancen eines Koordinierungsrates säkularer Organisationen, der kein Dachverband sein kann, wollen wir aufnehmen und aktiv mitgestalten.

Bündnisse und Kooperationen sind und bleiben der Weg, der zu Erfolgen führen kann. Den Zersplitterungen in der säkularen Szene ist entgegenzuwirken. Wir benötigen klare theoretische Aussagen, eindeutige ethische Positionen, politische Lobbyarbeit, soziale Angebote und eine effektive und verständliche Öffentlichkeits- bzw. Medienarbeit.

Die Bewegung, die sich säkular humanistisch und freigeistig versteht, hat die brennenden Fragen der Zeit aufzugreifen und Antworten wirkungsvoll anzubieten.

Zu den wichtigsten Themen gehören m.E.:

  • globale Verantwortung für den Mitmenschen, deren Rechte und Freiheiten, und für die Natur und Umwelt, für Friedenserhalt bzw. –schaffung und nichtmilitärische Konfliktlösungen
  • Stärkung sittlicher Werte wie Wahrhaftigkeit, Solidarität, Toleranz, Freiheit, informationelle Selbstbestimmung
  • Gleichberechtigung von Frau und Mann - Selbstbestimmung der Frau mit dem Blick auf § 218 sowie Gleichbehandlung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, gleiche grundlegende Menschenrechte für Kinder
  • strikte Trennung von Kirche und Staat und Entkonfessionalisierung der Schule
  • menschenwürdige Lösungen im Asyl- und Staatsbürgerschaftsrecht in Deutschland und Aktionen gegen Fremdenfeindlichkeit und Gewalt
  • Gentechnologie und Bioethik
  • neue religiöse und weltanschauliche Bewegungen, sog. Sekten und Psychogruppen und Satanismus, Aufklärung über den Missbrauch der Gewissens- und Religionsfreiheit
  • Sterbehilfe und humanes Sterben

Lassen wir die säkularen Organisationen politischer werden, damit wir in der heutigen Zivilgesellschaft die gleichen Menschenrechte für alle, weltanschauliche Freiheit, kulturelle und soziale Demokratie, Frieden, Toleranz und Humanität erhalten und ausbauen. Dies ist m.E. die Vollendung der Aufklärung im Humanismus.

* Statement auf der Konferenz der Humanistischen Akademie „Was ist heute Humanismus?“ am 16.11.08, in Berlin.

Literaturhinweise:

Volker Mueller: 50 Jahre DFW und die Aufgaben der Zukunft. In: DFW (Hg.): 50 Jahre für Geistesfreiheit, Humanismus und Menschenrechte. Festschrift. Berlin 2000.

Volker Mueller: Was haben freigeistige Vereinigungen im DFW gemeinsam? In: Andreas Fincke (Hg.): Woran glaubt, wer nicht glaubt? EZW-Texte 176. Berlin 2004.

Volker Mueller: Der rote Faden … Strategische Bemerkungen zu 20 DFW-Seminaren. In: Volker Mueller und Horst Prem (Hg.): Der Beitrag Europas zur Zukunft der UNO. Schriftenreihe für freigeistige Kultur. Heft 20. Berlin Hannover 2004.