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Rede des 1. Vorsitzenden G. Rampp

Zuletzt aktualisiert von bfg Augsburg am 20. August 2014 - 15:09

Verleihung des Ludwig-Feuerbach-Preises 2004

(Rede des 1. Vorsitzenden des bfg Augsburg, Gerhard Rampp)

Was hat Feuerbach mit Augsburg zu tun ?

Rede des 1. Vors. des bfg Augsburg G.Rampp
Rede des 1. Vors. des bfg Augsburg G.Rampp

Lieber Professor Buggle, sehr verehrte Damen und Herren,

 

da wir heuer den 200. Geburtstag von Ludwig Feuerbach gefeiert haben, ist dieser Philosoph erstmals einer breiteren Öffentlichkeit vertraut geworden. Andere konnten ihn zumindest auf einer Briefmarke bewundern. Er ist der bedeutendste deutschsprachige Religionskritiker des 19. Jahrhunderts, in gewisser Hinsicht ein Vollender der Spätaufklärung. Ein nach Paris emigrierter Soziologe und Philosoph bemerkte, mit Feuerbach sei die Religionskritik beendet. Damit meinte dieser Karl Marx nicht etwa, man solle sich mit Religion nicht mehr kritisch auseinandersetzen, sondern dass Feuerbach das Wesen der monotheistischen Religion so treffend analysiert habe, dass es darüber nach ihm nur noch wenig fundamental Neues zu sagen gebe.

Dass Feuerbach ein spezifisch bayerischer Denker war, lässt sich schon aufgrund seiner Biographie nicht leugnen. Geboren 1804 in Landshut, wirkte er später viele Jahre in Nürnberg und Erlangen, in dessen Nähe er auch gestorben ist. Bayern hat er nur zu Vortragsreisen verlassen. Die akribische Beobachtung und Analyse der Wirklichkeit lag ihm buchstäblich im Blut. Sein Vater war ein führender Strafrechtslehrer, der 1813 auch des erste bayerische Strafgesetzbuch verfasste und in den letzten Lebensjahren auch den Mord an Kaspar Hauser gründlich untersuchte. Wie so viele Religionskritiker begann Ludwig Feuerbach als Theologe, denn er war zunächst vor der Richtigkeit des christlichen Gottesbildes durchaus überzeugt. Aber es kommt bis in die heutige Zeit auffällig oft vor, dass gerade ursprüngliche Theologen später ungläubig oder zumindest Skeptiker werden. Der Frühaufklärer Thomasius oder der Pfarrerssohn Lessing sind dafür Beispiele. Letzterer verschanzte sich ein Leben lang hinter einem indifferent scheinenden Agnostizismus, doch verraten seine zum Teil anonym erschienenen erotischen Spottgedichte oder die Publikation der religionsfernen Fragmente des Orientalisten Reimarus, wie ungläubig Lessing war. Selbst sein berühmtestes Werk, die Ringparabel aus „Nathan der Weise“ lässt bei der Frage nach der einzig wahren Religion nicht drei, sondern vier Möglichkeiten zu, nämlich als Lessing den Richter über die drei Vertreter der Buchreligionen sagen lässt: „Am Ende seid ihr alle drei betrogene Betrüger.“

Anders als Lessing wagte es Feuerbach bereits in jungen Jahren, die Auseinandersetzung mit Religion offen zu führen. Dies hatte bereits um 1830 ein faktisches Berufsverbot zur Folge, denn mit der Karriere als Universitätsprofessor war es danach aus. Ich nehme allerdings nicht an, Herr Buggle, dass dies der Grund war, warum Sie sich erst in relativ vorgerücktem Alter zu religionskritischen Fragen öffentlich geäußert haben. Denn in den letzten 150 Jahren hat sich ja doch einiges geändert. Damals jedoch musste sogar ein tiefgläubiger, aber doch relativ liberaler Theologe wie der Dillinger Professor Johann Michael Sailer um seine berufliche Existenz fürchten, weil er den Versuch gewagt hatte, die Denkweise der Aufklärung in die katholische Theologie zu integrieren - heute rückblickend der einzige Weg, wie das Christentum in der europäischen Geisteswelt seine Stellung noch halbwegs behaupten konnte. Daneben gab es in unserer Region nicht wenige, die sich dezidiert zum Atheismus bekannt haben und aus der Kirche ausgetreten sind. Dazu zählt der in Schrobenhausen geborene Porträtmaler Franz Lenbach, der 25 Jahre lang Präsident der bayerischen Akademie der schönen Künste war, oder der erfolgreiche Geschäftsmann und Orthopäde Friedrich von Hessing. Beide allerdings äußerten sich, im Gegensatz zu Feuerbach, nicht fachlich oder beruflich zu weltanschaulichen Fragen und waren daher nicht so gefährlich, auch wenn Hessing Augsburgs klerikale Kreise sogar noch nach seinem Tode im März 1918 verärgerte, und zwar mit seinem selbst ausgesuchten Spruch auf seinem Grabdenkmal „Durch Arbeit zur Unsterblichkeit“. Das konnte natürlich jenen nicht gefallen, die das Monopol für den Zugang zur Unsterblichkeit zu besitzen glaubten. Lenbach und Hessing konnten sich ihre Unabhängigkeit von religiösen Bindungen allerdings leisten: Beide galten aufgrund ihrer fachlichen Kompetenz und ihrer daher rührenden Monopolstellung gerade für die Spitzen der Gesellschaft als unentbehrlich.

Vieles spricht dafür, dass Augsburg im 19. Jahrhundert einerseits für das gehobene Bürgertum ein liberaler Ort war. Dafür lieferte nicht zuletzt die damalige Augsburger Allgemeine Zeitung einen Beleg, die von Metternich in Wien ebenso gelesen wurde wie von Karl Marx in Paris. In Tendenz, Verbreitung und Reputation ist sie mit der heutigen Süddeutschen Zeitung vergleichbar. Als Korrespondent arbeitete nicht nur Heinrich Heine für sie, sondern später auch Otto von Corvin, der durch seinen „Pfaffenspiegel“ zahllose Anhänger wie Gegner der Kirche anzog. Dass sich die AZ einen solchen Mitarbeiter leisten konnte, lässt Rückschlüsse auf das damalige bürgerliche Lesepublikum zu. Auch Feuerbach hat mehrmals in Augsburg Vorträge gehalten, die in der Zeitung Erwähnung gefunden haben sollen. (Die genauen Daten sind noch durch genaueren Einblick ins Stadtarchiv zu konkretisieren.) Man muss sich aber vergegenwärtigen, dass Augsburg damals noch nicht sehr viel kleiner als München war und neben dem teilweise fortschrittlichen liberalen Bürgertum auch eine sozial orientierte Arbeiterschaft hatte, mit der Feuerbach vor allem in seinen letzten Lebensjahren stark sympathisierte. Bei seinem Begräbnis 1872 in Nürnberg folgten 4000 Menschen seinem Sarg, und fast alle kamen von der neu organisierten sozialdemokratischen Arbeiterschaft.

Andererseits war Augsburg aber auch eine konservativ-klerikal geprägte Bischofsstadt, was die Bevölkerungsmehrheit zu spüren bekam. Im gleichen Jahr 1861, in dem der Autor des Pfaffenspiegels für die örtliche Zeitung arbeitete, wurde ein 15-jähriger Schüler zu einer Woche Gefängnis verurteilt, weil er sich geweigert hatte, am Religionsunterricht teilzunehmen. Sie können sich vorstellen, dass dieser später prominente Sozialist Johann Most in seinem Buch „Die Gottespest“ recht polemisch über Kirche und Christentum hergezogen ist. Da ist uns doch die wohltuend sachlich-rationale Argumentation eines Prof. Buggle lieber, aber das Beispiel zeigt: Religiöser Fanatismus von der einen Seite erzeugt allzu oft eine entsprechende Gegenreaktion auf der anderen. Das sollten wir uns heute bewusst machen in unserer Einstellung z.B. gegenüber Muslimen. Wer auch die gutwilligen und integrationsbereiten unter diesen einfach ausgrenzt, darf sich nicht wundern, wenn sich neuerdings wieder mehr junge Türken der zweiten Generation in die Arme von Fundamentalisten flüchten, wo sie sich noch angenommen fühlen.

Dies berührt eine Grundfrage, der sich Feuerbach in seinen letzten Lebensjahren ausgiebig gewidmet hat. Ähnlich wie der Philosoph Immanuel Kant hat Feuerbach nämlich versucht, eine positive, rein diesseitige Ethik zu entwickeln, in der das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Anschauungen einen zentralen Platz einnimmt. Seine Schriften hierzu werden oft unterschätzt und treten hinter seinem Oeuvre zur Religionskritik zurück. Vermutlich rührt das auch daher, dass gerade aus dieser letzten Phase seines Schaffens über hundert handschriftlich erhaltene Vortragsmanuskripte, Fragmente und Entwürfe bis heute noch gar nicht ausgewertet sind und sich daher noch niemand abschließend zu Feuerbachs humanistischer Ethik äußern wollte. Gerade hier liegt aber ein enger Bezug zu Augsburg, das sich in den letzten Jahren zunehmend als „Friedensstadt“ profilieren will und immerhin auch einen Preis für interkulturelle Studien verleiht.

Gewiss, Augsburgs Herausstellung als Stadt des Friedens mag auch ein bisschen mit Touristenwerbung und Wirtschaft zu tun haben, und die Widersprüche zur Stadt der Rüstungsbetriebe und Militärpartnerschaften sind unübersehbar. Aber Augsburg hat auch handfeste Argumente. Immerhin feiern wir hier nächstes Jahr das Jubiläum von 450 Jahren Augsburger Religionsfrieden, und diese Stadt ist weltweit die einzige, die ein Friedensfest als Feiertag begeht.

Beide historische Ereignisse bieten die Chance, nicht aber die Garantie, dass Augsburg auf dem Weg zu Kants Weltbürgertum und Feuerbachs säkular-humanistischer Gesellschaft eine Vorreiterrolle spielt. Erste Voraussetzung hierfür ist eine ehrliche Aufarbeitung der Geschichte. Der Augsburger Religionsfriede von 1555 war gewiss ein Riesenschritt nach vorn. Aber - er besiegelte nur die Beendigung von Kriegshändeln zwischen Katholiken und Protestanten aus der vernünftigen Einsicht heraus, dass es andernfalls keinen Sieger, aber zwei Verlierer geben würde. Doch Abwesenheit von Krieg macht noch keinen Frieden. Dazu hätte gehört: Glaubensfreiheit für die Untertanen jedes Territoriums und Religionsfreiheit auch für andere als Katholiken und Protestanten, damals also insbesondere für Juden. Davon waren die Initiatoren des damaligen Friedensschlusses weit entfernt, denn wer nicht die Konfession des Landesherrn annehmen wollte, musste auswandern und auf seinen Grund- und Hausbesitz verzichten. Daher kommt es, dass z.B. Altbayern jenseits des Lech noch heute eine deutlich geringere Quote von Protestanten aufweist als diesseits: Bis zur Säkularisation bzw. der Mediatisierung 1806 gab es dort nur Katholiken. Die Reichsstadt Augsburg war mit ihrem Paritätsmodell da schon viel weiter. Aber dies war erst das Resultat der leidvollen Erfahrungen im 30-jährigen Krieg, wo der Augsburger Religionsfrieden schon nach wenigen Jahrzehnten gescheitert war - eben weil Abwesenheit von Krieg nur für eine gewisse Zeit auch Frieden bedeutet. Auch das Augsburger Friedensfest verdankt - entgegen einer bis in die 80er Jahre hinein aufrecht erhaltenen Legende - seinen Anlass keineswegs dem westfälischen Friedensschluss von 1648, auch wenn dieser zufällig ebenfalls auf den 8. August fällt, sondern einer schmählichen Vertreibung der Protestanten aus Augsburg am 8. August 1629, nachdem wieder einmal katholische Belagerer die Stadt zurückerobert hatten. Nur: Augsburg wechselte in diesem Krieg zwölfmal den Besatzer, während dem die Einwohnerzahl von 42.000 auf 18.000 sank. Das beweist, dass auch dieser wie jeder andere Krieg nur Verlierer kannte. Ganz hat sich Augsburg davon nie wieder erholt.

Solche historische Schlaglichter belegen, dass sowohl Feuerbachs Konzept eines positiven und friedensstiftenden Humanismus als auch die Idee einer beispielgebenden Friedensstadt Augsburg berechtigt und hochaktuell sind. Nur muss beides noch entwickelt werden. „Religionskritik ist die Grundlage aller Kritik“, schrieb Marx nach dem Studium von Feuerbachs Werken. „Religionsfriede ist die Grundlage allen Friedens“, ist zu ergänzen. Hierbei müssen Augsburgs Stadtväter und -mütter noch begreifen, dass Religionsfriede in der heutigen mitteleuropäischen Gesellschaft (zum Glück) nicht mehr Verständigung zwischen den beiden großen Konfessionen bedeutet, denn diese ist Realität. (Die kleineren Reibungen zwischen ihnen sind nicht größer als die innerhalb jeder der beiden Gemeinschaften.) Was aber fehlt, ist die Anerkennung der anderen Religionen und Weltanschauungen als gleichwertig und gleichberechtigt. Wenn Ökumene nur eine „große Koalition“ zum Zwecke der wirkungsvollerer Ausschaltung der kleineren Konkurrenten wäre, dann wäre sie nicht viel wert. Sollte sie jedoch die Einleitung zu einer grundsätzlichen Verständigung unter den verschiedenen Religionen und Weltanschauungen sein, dann käme ihr große Bedeutung zu. „Klein“ ist hier ohnehin sehr relativ, denn zum einen kommt es auf die Zahl der Anhänger nur sehr bedingt an, und zum anderen sind die Konfessionsfreien heute in Deutschland bereits die größte weltanschauliche Gruppe (34% gegenüber je 31 % Katholiken und Protestanten). Auch in Augsburg machen sie mit rund 22 Prozent bereits mehr als die Protestanten aus. Hinzu kommen mindestens vier Prozent religiöse Minderheiten, wobei zu den Muslimen nur die gerechnet werden dürfen, die auch tatsächlich gläubig sind. (Bekanntlich gibt es im Islam ja keinen direkten Beitritt oder Austritt.)

Tatsächlich ist die Stadt aber noch weit davon entfernt, alle weltanschaulichen Richtungen als gleichwertig zu betrachten - sogar in der Rhetorik. Da wird z.B. vom „interreligiösen Dialog“ gesprochen und völlig vergessen, dass mit dieser Floskel die nichtreligiösen Weltanschauungen außen vor bleiben. Und der vor 20 Jahren geschaffene Augsburger Friedenspreis war eine richtige Idee, aber falsch aufgezäumt. Es ist ein Preis der Stadt, soweit es um die Kosten geht. Das Sagen hat aber im Wesentlichen die evangelische Kirche, die großzügigerweise die katholische mit beteiligt. Wo aber bleiben die Israelitische Kultusgemeinde, die Muslime oder die weltlichen Humanisten? Die Kulturreferentin, von der AZ kürzlich als „Bischofstochter aus pietistischem Elternhaus“ bezeichnet, hat eine Einbindung dieser Minderheiten in einem Gespräch vehement abgelehnt (vor allem des Bundes für Geistesfreiheit natürlich!), zugleich aber eingeräumt, dass heute eine solche Konstruktion des Friedenspreises nicht mehr realisiert würde. Das heißt also, sie hält diesen Beschluss von 1983 zwar angesichts der veränderten Verhältnisse nicht mehr für richtig, aber ändern will sie auch nichts. Dieser logische Widerspruch wird sich künftig aber mit jedem Jahr verschärfen, weil die Säkularisierung der Gesellschaft ja nicht aufhören wird. Früher oder später wird sich die Stadt selbst fragen müssen, wie stark die Minderheit der „Sonstigen“ denn noch anwachsen muss, bis die Stadt mal Änderungsbedarf sieht. Wie will sie denn einen Preis für religiöse Toleranz vergeben, wenn sie selbst ausgerechnet bei den Rahmenbedingungen der Preisvergabe genau diese Toleranz gegenüber Andersdenkenden vermissen lässt?

Aber auch Feuerbach steht nicht außerhalb aller Kritik. Wir sollten ihn nicht als „atheistischen Heiligen“ sehen, sondern als Wissenschaftler und Philosophen, der ein Kind seiner Zeit war. Mit seiner empirisch-sensualistischen Methode analysierte er das Wesen des Christentums und des Monotheismus, wie er es in seiner Zeit vorfand. Kritiker wenden ein, dass sich viele Theologen vom damaligen Gottesbild längst entfernt haben - vielleicht sogar dank Feuerbach. Außerdem ist heute unstrittig, dass die Nichtexistenz eines höheren Wesens (wie überhaupt jedes Phänomens) nicht beweisbar ist. Im 19. Jahrhundert war man da noch optimistischer. In der Tat ist der damalige „klassische“ Atheismus im 20. Jahrhundert weitgehend von der Idee eines skeptischen Agnostizismus verdrängt worden. Die praktischen Unterschiede sind indes gering, denn die Beweislast für eine Gottestheorie bleibt methodisch immer bei dem, der eine Theorie aufstellt und nicht bei dem, der sie bezweifelt. Insofern reicht die von Küng beschriebene „Pattsituation“ zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden den ersteren nicht aus.

Überdies bleibt Feuerbach angesichts des Volksglaubens der sogenannten „breiten Masse“ (soweit diese überhaupt noch einen hat) nach wie vor aktuell. Denn dieser beruht auf dem Wunsch, ein allmächtiges höheres Wesen möge die eigene Unvollkommenheit durch seine Güte kompensieren. Und selbst die über solch allzu durchsichtiges Wunschdenken erhabenen aufgeklärteren Theologen tun sich schwer, ein Gottesbild zu darzustellen, das einerseits Feuerbachs Kritik standhält und andererseits substantiell nicht im Nebulösen verschwimmt.

An diesem Punkt setzt Prof. Buggle ein. Er stellt schon einleitend die Frage in den Raum, ob die Bibel in allen ihren Teilen als verbindliche Grundlage für das Christentum zu betrachten ist, wie dies die Amtskirchen derzeit noch behaupten. Wenn ja, dann wird man Feuerbachs Kritik kaum auskommen und der von Buggle schon gar nicht. Wenn nein, dann werden sich diese Christen von inhumanen Teilen der Bibel zwar leicht trennen können (und haben es innerlich wohl schon längst getan), aber dafür mit der Frage konfrontiert sein, wie die Kirchen fast 2000 Jahre eisern an Passagen festhalten konnten, die heute von vielen ihrer eigenen Mitglieder als nicht mehr vertretbar angesehen werden. Die Floskel von der „ecclesia semper reformanda“ (der stets zu reformierenden Kirche) kann ja schlecht soweit strapaziert werden, dass heute das Gegenteil von dem für richtig befunden wird, was weit über eineinhalb Jahrtausend lang als wahr galt. Im Grunde haben sich all jene schon lange auf diesen Pfad begeben, die sich von der Vorstellung verabschiedet haben, die Bibel sei unmittelbar Wort Gottes oder von Gott inspiriert. Aber auch der moderneren These, die Bibel sei als „Literatur“ zu begreifen und daher angemessen zu interpretieren, hat zwar nicht Feuerbach, wohl aber Buggle den Ausweg abgeschnitten. Er hat so viele von Brutalität triefende Zitate als Belege angeführt, dass auch eine noch so freie literarische Interpretation nichts mehr rechtfertigen kann. Dies näher zu erläutern, mag dem Laudator vorbehalten sein. Die Lektüre des Buchs „Denn sie wissen nicht, was sie glauben“ sollte sich danach aber unbedingt anschließen. Ein Verdienst gebührt Professor Buggle auf jeden Fall: Er hat Feuerbachs Argumentation in einem ganz wichtigen Bereich ergänzt, wo dieser aufgrund seiner abgelaufenen Lebenszeit nicht mehr selbst reagieren konnte.