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Wie friedlich war der Augsburger Religionsfrieden?

Zuletzt aktualisiert von bfg Augsburg am 18. August 2014 - 18:26

von Gerhard Rampp

Augsburg rühmt sich als "Stadt des Friedens" und führt zwei scheinbar schlagende Argumente dafür ins Feld: Zum einen ist der Religionsfrieden von 1555 mit dem Namen der Stadt verbunden, zum anderen ist Augsburg weltweit die einzige Kommune, die ein Friedensfest als Feiertag begeht.

Aber wenn wir nachforschen, wie beides entstand, müssen wir der so stolzen Stadt leider einiges Lechwasser in den Wein gießen - nicht als notorische Nestbeschmutzer, sondern weil die historische Wahrheit ein bisschen anders aussieht, als die Jubiläumsorganisatoren es gerne hätten.

Der Augsburger Religionsfriede von 1555 war die Folge von ständigen Reibereien der neuen lutherischen Konfession mit der "alten" Kirche, die ihre Monopolstellung nicht freiwillig aufgeben wollte, nachdem sie in den beiden vorangegangenen Jahrhunderten mehrere Reformbewegungen in Frankreich und Italien blutig, aber erfolgreich vernichtet hatte (u.a. die Waldenser, Katharer, Albigenser). Trotz der Erfolge der alten Kirche im Schmalkaldischen Krieg 1547 und der Abrechnung mit den Protestanten auf dem Augsburger "Geharnischten Reichstag" von 1548 wuchs aber bei den Beratern von Kaiser Karl V. die Einsicht, dass eine Einheit auf dem Wege der Gewalt diesmal nicht mehr zu erreichen war.

Überdies wurden alle anderen neuen Konfessionen (Zwinglianer, Calvinisten, freie Reformierte) von dem Abkommen ausgeschlossen und verloren damit ihre Existenzberechtigung. In Augsburg verschwanden vier der sechs bis dahin zugelassenen Konfessionen. Und die Juden? Diese wurden heuer gefragt, warum sie sich nicht an den Feierlichkeiten zum 450er-Jubiläum anschließen wollten. Da hätte man genauso naiv fragen können, warum die Juden nach 1945 so wenig im öffentlichen Leben Deutschlands präsent waren! Tatsächlich wurden die Juden bereits 1440 aus Augsburg nach dem 2. Augsburger Pogrom so nachhaltig vertrieben, dass sie erst ab 1805 wieder das Aufenthaltsrecht in Augsburg erhielten - und auch das nur, weil ein reicher Jude aus Kriegshaber mit einer großzügigen Spende die Stadt vor dem Bankrott bewahrte. Und die wenigen Ungläubigen wurden von beiden Konfessionen sowieso unerbittlich verfolgt.

Im Ergebnis war der Augsburger "Religionsfriede" von 1555 also keineswegs ein Friedensschluss, sondern die Beendigung von Kriegshändeln zwischen Katholiken und Protestanten - auf Kosten aller übrigen Konfessionen - aus der vernünftigen Einsicht heraus, dass es andernfalls keinen Sieger, sondern zwei Verlierer mehr geben würde. Doch Abwesenheit von Krieg schafft eben noch keinen Frieden. Dazu hätte Religionsfreiheit für alle Menschen und alle weltanschaulichen Richtungen gehört einschließlich derer, die keinen Glauben haben.

Bezeichnenderweise hielt dieser Kompromiss auch nur rund 70 Jahre. Augsburg wurde im 30-Jährigen Krieg zwölfmal erobert und schrumpfte von 42000 auf 18000 Einwohner. Aber dann gab es ja das Friedensfest! Vielleicht eine Feier anlässlich des Westfälischen Friedens von 1648, der bekanntlich gleichfalls an einem 8. August geschlossen wurde? Diese Mär wurde jedenfalls bis in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts offiziell aufrecht erhalten, ehe im Vorfeld des 1983 neu geschaffenen und 1985 erstmals verliehenen Augsburger Friedenspreises (1) die Erkenntnisse der Historiker öffentlich registriert werden mussten: Das evangelische Friedensfest geht auf den 8. August 1629 zurück, als die Augsburger Protestanten unter besonders schimpflichen Bedingungen ihre Heimatstadt verlassen mussten. Am 8.8.1649 feierten sie die 20. Wiederkehr dieses denkwürdigen Tages erstmals und danach regelmäßig; nach dem letzten Weltkrieg wurde er in besonderer Weise gewürdigt und zum gesetzlichen Feiertag erhoben.

Was indes seit 1649 blieb, war die "Augsburger Parität", die Gleichberechtigung der beiden großen Konfessionen, welche sich zwar bis ins 19. Jahrhundert als stabil erwies, aber gleichwohl nur funktionieren konnte, solange andere ausgeschlossen blieben.

Trotz all dieser Vorbehalte stellt der Augsburger Religionsfrieden einen kleinen, aber beachtlichen Schritt nach vom dar. Erstmals setzte sich die Einsicht durch, dass religiöse Konflikte auf die Dauer nicht durch kriegerische Handlungen zu lösen sind. Unsere heutige Aufgabe ist es, diese Einsicht auf den Umgang mit anderen, kleineren Religionen, Konfessionen und Weltanschauungen anzuwenden.

(1) Pikanterweise ging ausgerechnet der erste Augsburger Friedenspreis 1985 an einen evangelischen Militärbischof. der 1935 als einfacher Pastor und Feldprediger in eindeutiger Weise Werbung für die Hitlerarmee gemacht hatte. Dies hatte damals der Bund für Geistesfreiheit aufgedeckt.